Via Klettersteig auf Deutschlands Höchsten - die

Zugspitze  2964 m


Seit wir eine Seitenwand des Naumburger Baufachgeschäfts MOBAU Am Hohen Stein in eine Kletterwand umfunktionieren durften und es uns so auch möglich ist, im Winter an den Klettergriffen zu üben, hat sich die Sicherheit in den einfacheren Routen bei allen merklich gefestigt – vor allem bei unseren Jüngsten. So entstand die Idee, das erworbene Können im Freien an einem der inzwischen modernen, gut ausgebauten Klettersteige auszuloten. Der Gradmesser für die Schwierigkeit der Kletterroute sollte Friederich mit seinen 4 Jahren sein. Nach gründlicher Recherche verfielen wir auf die Zugspitze. Hier gibt es genügend Hütten zum Übernachten, eine technisch relativ einfache, gut gesicherte Kletterroute, aber auch einige tiefe, aufregende Stellen in der Führe – und die Zweitagestour des Aufstiegs liegt komplett auf der Sonnenseite des Wettersteingebirges, in der Südwestwand. Am 03.08.98 brachen wir zu fünft auf, das Abenteuer zu versuchen. Im Weiteren einige Eindrücke über die Ersteigung der Zugspitze von Ehrwald aus:

Ankunft in Ehrwald. Es nieselt. Eine Jugendherberge gibt es hier nicht. Dafür zwei Campingplätze verschiedener Preiskategorien. Wir entscheiden uns für den mit der besseren Sicht auf unser 2964 m hohes Ziel. Von hier aus beginnen wir am nächsten Morgen über die Seilbahn-Talstation Obermoos (1225 m) unseren Aufstieg. Die Rucksäcke tun auf den ersten Metern weh. Es geht steil voran. Vor uns läuft ein älteres Ehepaar Hand in Hand. Beide haben kaputte Beine und das Laufen fällt ihnen sichtbar schwer. Bald haben wir sie eingeholt, gegrüßt und hinter uns gelassen. Das Gras ist feucht, die Steigung planiert. Eine Skipiste. Blumen und Moose eifern in ihrer Farbenpracht um die Wette: Studentenröschen, Glockenblumen, Steinbrech und wilder Rhododendron strahlen uns an. Walderdbeeren, kugelrunde Blaubeeren und vereinzelte Multebeeren zwingen ständig zum Halten, Naschen, Staunen. Friederich ist gut auf den Beinen. Wir auch. Meter um Meter speichert sich in Pauls neuem Höhenmesser.
Kurz vor elf sind wir an der Wiesenquelle auf 1715 m. Rast. Die Wolken steigen aus dem Tal. Feuchte Fetzen. Bald holen uns andere Wanderer ein. An der alten Mittelstation der Seilbahn lernt Friederich einen neuen Freund kennen: Christopher. Dann wird es zusehends steiler und die Hänge des Berges, die wir queren müssen, fallen immer schroffer ins Bodenlose. Am Seil meistern wir die letzten Meter des Steigs zur Wiener-Neustädter-Hütte. Auf 2216 m ordert Paul die ersten der sechs versprochenen Biere.
Friederich sucht sich einen Schlafraum in der urigen Hütte aus, in der es weder Strom noch fließendes Wasser gibt. Wir sehen den morgigen Steig an, bewerfen uns mit den spärlichen Resten des Gletscherschnees, erkunden die Eishöhle, die das Wasser zum Trinken und Kochen hergibt und bestaunen die altertümliche, handangetriebene „Waschmaschine" vor der Hütte. Das Wetter hat sich stabilisiert. Die Wolken bleiben im Tal und im strahlenden Sonnenschein warten wir ab, was uns der Tag heute noch bringt.
(Etwas später:) Was immer auch über das Wetter gesagt wird, wenn es nicht aus dem berufenen Munde eines Thomas Endrulat (ein bekannter Meteorologe des Wetteramtes Leipzig - U.K.) kommt, sollte man`s nicht glauben: denn es regnet sich am frühen Abend ein. Und zwar ordentlich. Die Zugspitzwand verhüllt sich und schon bald glaubt keiner mehr richtig an den morgigen Aufstieg. Walli sorgt dann für Kultur und zitiert die ausliegende 1947er Bergsteiger-Illustrierte. Paul und ich trinken "sechs" und der Wirt legt ein ums andere Scheit nach. Uns wird mummelig. Bald sitzen wir mit den zwei einzigen weiteren Hüttengästen um den Kanonenofen und sind in der anheimelnden Hüttenidylle bestens drauf. Die Nacht verläuft – mal abgesehen vom Regentropfentrommelfeuer auf dem Blechdach und zwei, drei unruhigen Momenten meines Sohnes – ruhig. Auch die "WC"-Besuche hielten sich in Grenzen.

Mittwoch. Ein Frühstück wie vom Holzfäller! Wir sind bald satt. Nach der zweiten Tasse Kaffee schreiten wir zum Zahlen und um 10.00 Uhr stehen wir eingeseilt mit unseren Klettersteigsets und den roten Helmen auf dem Plateau vor der knuffigen Hütte mitten in den ekelhaft feuchten Wolken. Zum Glück regnet es aber nicht aus. Bald ist das kleine Schneefeld gequert, der Abschlaghang genommen und der Einstieg zum Klettersteig erreicht. Wir orientieren uns noch mal und `nauf  geht's. Sicher im Tritt steigen wir am Fels nach oben. Die Sicht ist schlecht, aber der Steig ist herrlich. Wunderbar zieht sich das fest montierte Sicherungs-Stahlseil in einem ausgewaschenen Riß fast senkrecht nach oben.
Durch eine tropfende Höhle steigen wir in den Himmel. Alles, was ein Klettersteig zu bieten hat, ist hier zu finden: griffiger, gut gewachsener Stein, stählerne Himmelsleitern, luftige Kanten und steile Anstiege, die das Herz im Leibe höher schlagen lassen. Und Friederich kletterte wie am Montag in unserer heimatlichen Wand. Und wir anderen natürlich auch. Learning bei Doing. Nachdem Walli keine Kopfschmerzen mehr hatte, waren wir schnell am Rudiment der alten Ehrwalder Bergstation, die (da nicht mehr gebraucht) abgerissen wird und philosophierten mit Presslufthammer B-B-Bernhard.
Noch eine quälende halbe Stunde stampfender Schritt - dann gelangen wir in die "gesicherte Zone". 2964 müN!!! Der höchste Gipfel Deutschlands grüßt uns mit seinem (Wie sonst?!!) vergoldeten Gipfelkreuz. Im dichten Nebel schießt "der teuerste Kameramann Deutschlands" ein Gipfelfoto von uns. E-Plus sei Dank, denn gerade läßt der Mobilfunk-Anbieter von Lasslo (das ist dieser teure Filmer - U.K.) ein Werbevideo drehen, wie wir uns belehren lassen müssen. Lasslo band sich wieder zitternd an seine Kamera und wartete auf besseres Wetter. Wir aber amüsierten uns in der Bergstadt. Ein Palast aus Glas und Beton auf dem höchsten Felsen dieses Landes! Im Münchner Haus des DAV nehmen wir ein Bergsteigeressen – um später über die Südostseite des Wettersteingebirges zur Sonn-Alm auf 2600 m abzusteigen. Friederich und O.D. (O.D. ist der Spitzname Dirk Heineckes - U.K.) nehmen die Seilbahn. Von ihrer Talstation aus schreiten wir wiedervereint die vierzig roten Schilder bis zur Knorr-Hütte hinab. Endloses Treten im Moränengestein. Langsam wird es grüner. Und da - in den aufreißenden aufsteigenden Wolken sehen wir das Doppeldach der Hütte auf 2051 m. Das war ein Tag! Bald schon ziehen wir uns alle eine Mütze Schlaf rein, während draußen, wie am nächsten Morgen zu sehen ist, die Wolken zogen. Und zwar auf und davon.

Donnerstag, der 06.08.98. Ein Bombenwetter, ein strahlender Himmel ein gutgelaunter Hüttenwirt und ein 10 DM-Frühstück p.P. - und das alles bis 08.00 Uhr. Kurz darauf verlassen wir die Knorr-Hütte. Der Rucksack drückt, die Schuhe quälen, die Sonne brennt. Ein langer Weg auf konstanter Höhe mit vielen phantastischen Blicken in die Bergwelt. Dort das Reintal mit der Reintalangerhütte und dem Partnach-Ursprung auf 1370 m, hier die zwei Diensthütten der Grenzsicherung, bald schon das Gatterl, die deutsch-österreichische Grenze. Ein 1996 tödlich verunglückter Armist hat heute Todestag. Wir gedenken der Unglücke, die den Menschen ereilen können, stecken Blumen an die Bronzeplatte und widmen uns den irdischen Dingen: Kaffee, Salami, Schokolade. Nun steigen wir kurz ab und in einem Geröllfeld hinauf ins Feldern Jöchel (2041 m). Friederich, der sich inzwischen das Sicherungsseil um den Körper schlang, avanciert zum Bergführer und ist nach multilinguistischem Lob etwa zweimeterfünfzig groß.
Die Tour wird nebenbei zur botanischen Entdeckungsreise. Die Sonne lockte all die kleinen und großen Freunde der Bergwelt ans Licht. In Strömen und Scharen bevölkern sie Wege, Stege, Hügel und Gipfel. Murmeltierkolonien, Gamsherden, klimpernde Kuhherden, Schafe und Pferdeherden säumen den Pfad. Hunderte von Schmetterlingen flattern auf den Alpenwiesen herum, die sich in allen Farben präsentieren. Blumen mit Namen, die wir nur im Alpenblumenbestimmungsbuch fanden, entzücken unsere Frauen und Friederich erfuhr heute vom 10jährigen Kampf um die schöne Helena und die anschließenden Irrfahrten des Odysseus. Das war ein Abstieg! Und dann endlich sind wir vor Ort: an der ersten voll erschlossenen Touri-Jausenstation unseres Abstieges; der Hochfeldernalm auf 1732 m - dort, wo man sich immer den Imbiß mit den Rindviechern teilt, wenn man am Gatterl sitzt...
Nun folgt ein langer, langer Ausstieg. Unter den skeptischen Blicken der Menschheit merken wir es: Wir stinken!!! An der Ehrwalder Alm ein zweites Sturzbier und endlich 380 Höhenmeter tiefer finden wir unseren sorgsam abgeparkten Kombi an der Talstation. 1120 müN – Ziel, Endstation, Karten kaufen, Zeltplatz ordern und relaxen. Wir sind stolz auf uns.
Ein Blick auf die Zugspitze. Die Bergstadt glänzt in der Abendsonne. Wir haben keine Sehnsucht mehr. Das Bild von den beiden alten Leuten, die Hand in Hand, die körperlichen Widrigkeiten überwindend, am Dienstagmorgen in den trüben Berg stiegen, taucht in mir auf. Jedem schenkt der Fels sein Glück. Wenn man es sucht.
 
 
 
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Text: Dirk Heinecke Gestaltung: Ulf Köhler Letzte Überarbeitung: 30.12.2004