Olymp 2917 m
Für den Sommer 1999 hatten wir uns vorgenommen, eine Tour durch Griechenland zu machen, die uns zu den Wurzeln der abendländischen Kultur führen sollte. In knapp zwei Wochen hatten wir Griechenland durchkreuzt, bestaunten die Geburtsstelle der Demokratie in Athen, befragten die Pythia im Orakel zu Delphi, besuchten Chirion, den weisen Zentauren im Peliongebirge, huldigten Leonidas am Thermopylenpaß, wo er 490 vuZ mit seinen 400 Spartiaten im Opfertod gegen eine hundertfache Übermacht den Rückzug des griechischen Heeres deckte und ergründeten die imposanten, steilen Konglomerat-Felsen Meteoras mit den berühmten schwebenden Klöstern".
Der (im wahrsten Sinne des Wortes) Höhepunkt unserer Tour allerdings
sollte ein Besuch der Götter auf dem Gipfel des Olymp in 2917 m Höhe
werden. Das Besondere an dieser Bergtour war aber nicht die Höhe oder
technische Schwierigkeit des höchsten Berges Griechenlands, sondern
der Umstand, daß wir in unserer 8-köpfigen Truppe drei Kinder
hatten: Mareike (13), Friederich (5) und Luise (4), die den Göttergipfel
aus eigener Kraft erreichen wollten. Dem angemessen mußte die Route
geplant werden.
Wir begannen unseren Einstieg ins Gebirge vom Meeresstrand in Litochoro aus, jenem Ort, in dem einst die Mutter Apollons, Leto lebte und welcher selbst inzwischen von der Flut der bergwütigen Olymptouristen wie uns lebt. Der Weg zu den Göttern beginnt jedoch mit einem Tiefschlag Friederichs Sonnenbrille ist nicht mehr da! Ich vergaß beim Zusammenstellen des Gepäcks für den weiteren Aufstieg in Litochoro den Klettergurt und die Seile für die Kleinsten einzustecken und das zerrt jetzt an der Psyche. Es ist die Probe, die die Götter vor jede Versuchung stellen. Aber wir bestehen sie und kurz nach acht steht am Morgen dieses 4. August Hermes bereit, um uns auf der offenen Ladefläche seines weißen Pegasus in das Gebirge zu fliegen, das für 3 Tage den Stoff für unser Abenteuer bergen soll. Um 09.00 Uhr sitzen wir in 1100 m Seehöhe an einer Holzbrücke am Ende der befahrbaren Piste und frühstücken vor der Berghütte Prionia im Sonnenschein was die Rucksäcke hergeben.
Das Besteigungsepos beginnt. Die Götter sind uns doch wohlgesonnen.
Uns ist so, als ob Zeus uns dann und wann aus dem Nebeldunst zublinzelt
und Friederich meinte sogar, Pegasus zu sehen. Gibt es die Götter?
Eine Frage, die heute auftauchte. Ein traumhafter Wanderweg führte
zur oberen Hütte (2100 m) „Spilios Agapitos", auf der wir bereits
13.30 Uhr eintrafen, von den kauenden Mulis begrüßt, die uns
unterwegs überholt hatten. Diese Hütte wird noch immer ausschließlich
mit Hilfe der Mulis versorgt. Der Weg – stolze 1000 Höhenmeter! –
führte uns durch Wälder, wie wir sie Griechenland nicht zugetraut
hatten. Wir fühlten uns zunächst heimisch, fast wie im Harz.
Schroffe Berghänge, serpentinenmäßige Wege, zum Glück
viel Schatten, Reste von Schneezungen und eine reichhaltige Blumen- und
Pflanzenwelt säumten unseren Weg. Man verspürte ganz stark den
Wunsch, das eine oder andere „Senkerchen" mit nach Hause zu nehmen, aber
wir sind ja immerhin im Nationalpark! Am Abend sitzen wir im Gemeinschaftsraum
der Hütte „A" und können uns selbst kaum vorstellen, daß
wir nach der bereits
erlebten griechischen Hitze hier ein Kaminfeuer bei heißem Kakao
genießen. Die wahren Helden aber waren unsere Kinder Luise und Friederich,
die auf ihren kurzen Beinen wirklich „heldisch" diese 1000 Höhenmeter
auf den heutigen 6 km bravourös meisterten.
Wir sind nun, voller Gipfelglück, gerad von unser`m Berg zurück.
Und trinken gleich ein Gläschen Wein, voll Stolz auf unsere
Kinderlein.
Der Zeiger der Uhr bewegt sich auf 16.30 Uhr zu. Walli verkündet, es wäre Zeit Abendbrot zu ordern. Stefi sinkt gleich von der Holzbank vor der Hütte „A", Paul tunt seinen Body und die Kinderchen malen alle vorhandenen Illustrierten-Promis blau aus ...
Donnerstag, der 5. August 1999. Ein wunderschöner Tag! Schon am
Morgen zelebrierten die himmlischen Götter einen Sonnenaufgang aus
dem Meer für unsere Kleinen – und zwar genau in dem Sektor des Mittelmeeres,
der durch die Schlucht von der Terrasse unserer Berghütte aus einsehbar
ist. Der Himmel ist strahlend blau, der Olymp liegt in seiner erdzeitalterlichen
Ruhe, sonnenüberstrahlt zum Greifen nahe im Nordwesten.
Wir brechen auf und mit kleinem steigenden Schritt arbeiten wir uns
die Serpentinen des gut ausgetretenen europäischen Wanderweges „E4"
hinauf. Generationen von Bergstiefeln, Turnschuhen und Badelatschen haben
hier den Stein in Schotter und Sand zermahlen, die vom Wasser ins Tal hinabgetragen
werden. Die Erosion ist allgegenwärtig. Aber das Gebirge gefällt
uns. Bis in große Höhen gibt es Bäume. An unserer Hütte
steht eine Kiefer mit dem Umfang von 3 Männern mit gestreckten Armen
– auf 2100 m! Noch auf 2500 m sehen wir die mutigsten der Berghölzer
ihre alten knorrigen hölzernen Extremitäten dicht über dem
Gestein um Halt suchend ausstrecken. Wir steigen immer noch. Am „Hillary-Step"
– dem Südostgrat duellierten wir uns im direkten Aufstieg mit zwei/drei
„Seilschaften". Und bald standen wir auf einem Zwischengipfel, dem
Skala – mit Blick auf den Klettersteig zum Myticas-Gipfel. Das ist die
Stelle, an der immer wieder Bergsteiger ihre Tour abbrechen, denn bevor
man das Gipfelplateau des Myticas erreicht, muß man in einer felsigen
Rinne mit Blick in die Tiefe absteigen und in einem ausgesetzten, oft windigen
Grat hinüber wechseln zum Aufstieg auf den höchsten der drei
Olymp-Köpfe. Das Gestein ist hier spröde und stark verwittert
und erinnert in seiner Beschaffenheit sehr an alte, überdimensionierte
Treppenstufen. Wir lagen aber gut in der Zeit und das Wetter versprach
die nächsten zwei Stunden zu halten. Wir packten also das Gepäck
um und mit der Minimalvariante auf dem Rücken und dem Seil in der
Hand, an dem Luise gesichert war, nahmen wir diesen aufregenden Kletterabschnitt
in Angriff. Hier zahlte sich das wöchentliche Training an der heimischen
Kletterwand aus. Friederich, den wir ja auf Grund meiner Vergeßlichkeit
nicht anseilen konnten, kletterte behende und trittsicher im felsigen Bruchgestein
und empfand es als Abenteuer, sich den Göttern mit Mut und einer gewissen
Vorsicht nähern zu müssen. Später, unsere schnellsten Gipfelstürmer
genossen bereits seit 40 Minuten im wärmenden Sonnenschein das Gipfelpanorama,
schlug Luise ebenfalls mit ihren beiden Sherpas an der Gipfelsäule
an. Aus eigener Kraft, ohne auch nur einmal Papas Schultern zu benutzen,
den Göttergipfel erreicht zu haben, das war schon eine Superleistung.
Beim Ab- und Aufstieg zurück zum Skala kam ihr dann auf den letzten
Metern doch O.D. (gemeint ist Dirk Heinecke - U.K.) zu Hilfe, und bald waren alle froh, die kritischen Passagen ohne Zwischenfall gemeistert zu haben. Zur Belohnung gab es Pfefferkuchenbrot mit Schmelzkäse. Nach einem Abstieg im Sauseschritt sitzen wir nun im gemütlichen Kaminzimmer mit Makkaroni gefüllten Bäuchen und denken darüber nach, wie alt der Abend wohl noch werden wird. Vino tinto im Kilopack, ein loderndes Kaminfeuer im Rücken sowie friedlich spielende Kinder lassen uns ausharren. Und irgendwie klingt unsere Eintragung im Gipfelbuch noch etwas in uns nach:
Über allen Eitelkeiten sitzen wir, den Göttern gleich,
ließen hinter uns das Streiten, sind an Glücksmomenten
reich.
Unter uns die Welt der Menschen, unwirklich und spielzeugklein,
können wir hier auch unendlich, heldisch und fast Götter
sein.
Freitag, der 6. August 1999. Die Götter sind wieder nüchtern. Gestern abend noch sahen wir, wie Zeus seinen Gipfel mit Wolken bedeckte, um als Biene getarnt, von dem Rotwein zu kosten, den wir in das von Friederich geschaffene Tafelzimmer der olympischen Akropolis opferten. Das hat, wie wir erfahren mußten, immer verheerende Folgen, denn stinkbesoffen kann Zeus, die straffe Honigbiene, natürlich nicht die Richtung halten und donnert immer – bumm! – voll mit dem Schädel gegen die Felsen. Dieses steinschlaggleiche Donnergrollen kann man manchmal im Gebirge hören. Weil Friederich aber so über den armen, kopfschmerzgeplagten Göttervater ablachte, mußte er selbst die Erfahrung des Einrastens ins Felsmassiv machen. Schicksalsgleich folgte die Rache des trunkenen Blitzeschleuderers also sofort.
Auch heute ging die Sonne wieder hinter dem Meere auf, der Himmel ist
strahlend blau, der Olymp lockt sonnenüberstrahlt. Doch heute
schreiten wir der Sonne entgegen. Es geht hinab ins Tal. Vor uns liegen
1000 Höhenmeter Abstieg hinunter zur Prionia. Schöne Fels- und
Waldlandschaft, schattiges Grün und ausgetretene Pfade. Ein Genußabstieg,
bis sich auf etwa halber Höhe die Begegnungen mit den verirrten Strandläufern
in Badelatschen, Slippern und Absatzschühchen mehren...
| zurück zu Pauls Homepage |
| Text: Dirk Heinecke | Gestaltung: Ulf Köhler | Letzte Überarbeitung: 31.12.2004 |