Mont Blanc 4810 m
Um dem bekannten Gerammel zu entgehen, hatten wir beschlossen, den Montblanc
in der ersten Juliwoche, also in der Vorsaison, anzugehen. Auch wenn die
Bedingungen hier etwas härter zu erwarten waren als später im
Sommer. Eine ganze Woche hatten wir deshalb Ende Juni in der Schweiz verbracht,
um uns im Wallis zu akklimatisieren, auf den hohen Hütten zu übernachten,
am Fels zu trainieren und im Steilfirn auf das Weissmies (4023m) zu steigen.
Dann setzten wir nach Frankreich ins Tal von Chamonix um.
Per Seilbahn starten wir hier unsere Tour von Les Houches aus zum Bhf.
der Zahnradbahn „Tramway du Mont Blanc“. Das etwas betagte Gerät bringt
uns zum Adlernest, einem einsamen Pfeiler der Zivilisation auf 2732m Höhe.
Ab hier stapfen wir im Geröll hinauf in die weiße Welt des Montblanc-Massivs,
die dort richtig beginnt, wo unser erster Tagesaufstieg endet, an der 3167m
hoch gelegenen Tète Rousse Hütte. Von dieser Hütte aus
haben wir einen imponierenden Blick in das Grande Couloir, eine stark steinschlaggefährdete
Eisrinne, die wir morgen passieren müssen, um auf dem gegenüberliegenden
Felsgrat zur 700m höher gelegenen Hütte du Gouter klettern zu
können. Wir beobachten Ankommende und Weiterziehende und lauschen
beeindruckt dem ständigen Gepolter in der Felswand vor uns. Am nächsten
Tag können wir die Wand aber ohne Steinschlag durchsteigen, denn das
kalte Wetter läßt die Steine im Eis halten.
Den Montblanc besteigt man nicht, man muss ihn bezwingen. Das macht
er uns auf der Gouter Hütte auf 3800m gleich am Morgen klar. Zunächst
müssen wir uns an die Frühstücksausgabe vorkämpfen,
nachdem in der dreifach überbelegten Hütte auf das Wecksignal
um 02.00 Uhr aus allen Ecken, Ritzen, Löchern, von allen Tischen und
Bänken, aus allen Zelten und Biwakplätzen und natürlich
aus den bequemen Lagern unzählige von Bergsteigern drängen. Als
wir etwas später den Grat hinüber zum Dom du Gouter begehen wollen,
stehen wir im Chaos. Hüpfende Stirnlampen im Sturm - vor und zurück.
Viele gehen ein paar oder ein paar hundert Meter und brechen ihren Besteigungsversuch
ab. Zu sehr zerrt der hier tobende Sturm mit seinen über 100 km/h
an ihren Körpern und, vor allem, an ihren Nerven. Ein Engländer
schreit uns an: „Kehrt um! Ein Sturm! Und erst oben, am Bossegrat!“ Wir
kommen ins Stocken. Drüben am Berg sehen wir die Lichtgirlanden derer,
die den langen Grat bereits irgendwie überwunden haben. Also schreie
ich Stefan voran: „Geh! Geh vom Grat! Rüber zum Berg!“ Wir stemmen
uns vorwärts. Und wirklich, es wird etwas besser. Wir ziehen auf 4000Hm.
Wieder Sturm. Die Girlanden vor uns drehen um oder verschwinden am Horizont.
Auf dem Berg gegenüber auf 4365m erglänzt endlich der Biwakcontainer
Refuge Vallot im durchbrechenden Sonnenlicht. Wir sind fix und fertig und
ausgekühlt von den Sturmattacken, deshalb nehmen wir eine Auszeit
und legen uns eine Stunde in unsere Schlafsäcke. Gegen 9.00 Uhr nehmen
wir dann die letzten 450Hm in Angriff. Schritt für Schritt geht's
nun steil nach oben. Auf 4650m gibt es eine minutenkurze Rast, versteckt
vor dem reißenden Sturm am Bossegrat. Ein paar Schluck Wasser. Nur
nicht kalt werden! Weiter. Aufwärts. Keine Möglichkeit, sich
irgendwo aufzulockern oder gar zu erholen. Der Puls rast. Wir ringen nach
der dünnen Luft, nach Sauerstoff, den uns der Sturm vom Mund reißt.
Alle paar Schritt bleiben wir nun stehen und pumpen. Langsam verdichten
sich auch die Schneefahnen ringsum. Es zieht zu. Wir beschließen
gestikulierend, uns noch eine halbe Stunde zu schinden. Da tauchen aus
dem Wolkennebel zwei Seilschaften auf, die von der Aiguille du Midi kommen.
„Gleich seid ihr oben.“, hauchen sie uns auf Spanisch zu. Das motiviert
noch mal. In ihren frischen Spuren stapfen wir den Gipfelgrat ab bis wir
den höchsten Punkt erreichen: 4810,40 Meter. Höchster Punkt der
Alpen. Höchster Berg Frankreichs! Aber das Wetter verdirbt die Gipfelfreude.
Der Nebel ringsum wird immer dichter und flockt aus. Wir steigen so zügig
es geht ab. Bis das Flachstück kommt, auf dem sich die Vallotschachtel
an den Fels lehnt. Hier stürmt es und wir haben nur gut 2m Sicht.
Wir eiern rum, können uns mit dem GPS nicht helfen - eine sehr unterkühlte
Situation. Der Zufall hilft dann etwas: wir laufen buchstäblich gegen
die rettende Hütte. Gott sei Dank! Als wir durch die Tür krauchen,
stehen schon die 11 spanischen und französischen Überschreiter
in der Hütte: „The same problem, haha...“ Na gut. Machen wir ein Notbiwak
in 4365m Höhe. Leichte Daunenschlafsäcke haben wir zum Glück
extra für den Notfall dabei.
Morgens bedarf es in solcher Höhe eines Tritts in den Allerwertesten. Man ist unendlich müde. Aber beim Schlafen regeneriert man nicht. Mit aller Anstrengung rappeln wir uns gegen 7.00 Uhr auf. Der Schneesturm hat sich gelegt und eine weiße Pracht hinterlassen. Das Tal von Chamonix tief unter uns hängt voll schwerer, dichter Wolken, die sich bis zum Horizont hinziehen. Wir seilen uns ein und diskutieren noch mal die Richtung. Paul und ich sind für den bekannten Weg, den finden wir auch im Wolkendunst. Also: Abstieg ins Col Du Dome (4255m) und Gegenaufstieg zum Zwischengipfel Dome du Gouter (4304m). Aber so will das der Berg nicht. Er brüllt uns auf dem Plateaurücken an und bläst uns so streng ins Gesicht, dass wir selbst im Stehen und mit den Handschuhen vorm Gesicht keine Luft bekommen: „Ich dachte, ihr wolltet die Überschreitung? Zurück!“ Uns bleibt keine Wahl und keine Zeit. Nur runter vom Gipfel, weg vom sturmgepeitschten Kamm. Wir drehen ab ins Tal auf den Bossonsgletscher Richtung Grands Mulets Hütte - und siehe - der Montblanc ist zufrieden. Er schaltet das Sonnenlicht ein, die Wolken sacken ab und zerfließen. Wir fallen in eine weiße Welt aus Eis, Schnee und Sonnenschein. Aber etwas Abenteuer hat sich unser neuer Bekannter nun für uns ausgedacht: auf 4000m Höhe reißt der gesamte Gletscher in voller Breite auf und selbst an der kleinsten Bruchstelle muss man 3m tief und 3m weit springen, um auf die untere Gletscherzunge zu gelangen. Von den in den Führern beschriebenen bereitliegenden Eisenleitern ist jetzt, in der Vorsaison, weit und breit nicht eine einzige zu finden. So bleibt uns nur: Luft anhalten und „Big Jump“. Später fordert der Gletscher all unsere technischen und alpinistischen Fähigkeiten, wir springen, seilen ab, steigen im Frontzackenschritt von Serakköpfen, rutschen DAV-lehrplangerecht mit dem Bremspickel im Steilfirn. Ja, und außerdem hat es an manchen Stellen von gestern 50cm Neuschnee und inzwischen knietiefen Sulz und durchgeweichte Schneebrücken, die immer wieder nachgeben. Endlich sind wir an der Schneefallgrenze. Das Eis ist hier glashart. Wir irren nun durch eine bizarre, ausgeaperte Eislandschaft. Ringsum drohende Eiswände. Eisplatten, auf denen man entlang balanciert. Nur keinen Schritt auf die weichen, weißen Brücken aus Harsch machen! Die vielen Hüpfer und Sprünge über Risse, Spalten und Gräben sind nicht mehr zu zählen. Irgendwann geht die Angst vor dem Gletscher völlig verloren und weicht einer grenzenlosen Faszination. Wie auf den alten bräunlichen Postkarten immer zu sehen, geht es nun durch die Serakspalten, Fließbrüche und über Eiszungen, immer nur vorwärts, in der vagen Hoffnung, dort rauszukommen, von wo aus uns die Seilbahn ins Tal von Chamonix tragen soll. Paul zeigt uns kurz vor Schluss, schon in Sichtweite der Randmoräne, an einer unterspülten Eisbrücke noch mal deutlich, dass der Einbruch immer dann kommt, wenn es keiner mehr vermutet. Nicht auszumalen, wenn er (zumal inzwischen ausgeseilt) von den eisigen Wassermassen in den ausgewaschenen Tunnel gedrückt worden wäre ... Und dann sind wir wieder auf dem richtigen Pfad. Aber es ist inzwischen spät. Trotz Eilmarsch auf den letzten Kilometern erreichen wir die letzte Bahn nicht. 35 Minuten kommen wir zu spät. Wir beschliessen, noch bis ins Tal abzusteigen. Die Füße sind sowieso hinüber. Nun übernimmt Brita den Vorstieg und legt ein ordentliches Tempo vor: 1300Hm in 2½ Stunden, nach dem Tag, mit dem Gepäck! Punkt 21.01 Uhr erreichen wir völlig erschöpft unser Auto. Der gepflegte Zeltplatz „Ile des Barrats“ nimmt uns noch einmal auf. Wir können unsere geschundenen Körper reinigen und freuen uns auf morgen. Dann geht es ins Cafè „La Terrasse“, mit Gipfelblick...
UNTER UNS
Noch kämpft mit Müdigkeit der Leib,
doch schon
drängt des Menschen Emsigkeit
hinaus,
ins Licht, das hoch den Stein umflutet,
unter uns bleibt Raum und Zeit,
zu messen sich,
und lechzend nach Unendlichkeit.
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| Text: | Dirk Heinecke (E-Mail)
DAV Jena, SSV Eintracht Naumburg Abt. Klettern/ Bergsteigen |
Gestaltung: | Ulf Köhler (E-Mail)
SBB Dresden |
Letzte Überarbeitung: 30.12.2004 |