Juli 2004 -

Versuch einer Überschreitung am

Matterhorn  4477 m


Samstag, 24.07.2004: Fünf Minuten vor 21:00 Uhr. Da sitzen wir, Paul und ich, im Speisesaal der JH Zermatt. Sie ist nicht mehr wieder zu erkennen. Zimmer 27 gibt es nicht mehr. Wolken hängen vor unserem Ziel. Zwei Neu-Anbauten nehmen den Raum, die Sicht. Reggae dröhnt aus der modernen Küche. Wir haben ein 8-Mann-Kabuff unterm Dach. Das verpasste Abendbrot wird uns kulanterweise nicht in Rechnung gestellt. Die Tour beginnt also mit einem Schnäppchen. Und auch sonst war das alles entspannt heute: standen nach einer zünftigen Bergsteigerparty gestern zeitig auf, gemütliches Frühstück, Einkauf im Kaufland und gegen 9:30 Uhr dann Start. Bald schon Bahnverladung am Lötschbergtunnel und 19:15 Uhr standen wir auf dem Parkplatz in Täsch.
Zermatt weckt Erinnerungen. Der Boulevard. Die 5,- SFr, mit denen wir uns einst nach der Monte-Rosa-Tour einen schönen Abend machen sollten... Der Aufstieg zur JH. Dieses ganze Multi-Kulti. Aber irgendwie sind wir beide doch noch nicht richtig hier. Naja, vielleicht hilft ja die Flasche Montepulciano d’Abruzzo. Oder ein Blick aufs Hörnchen – es soll schönes Wetter werden...

Sonntag, 25.07.2004: Um 07:00 sind wir hellwach. Azurblauer Himmel. Ein Frühstücksbuffett, das wirklich ok ist – außer der angebrannten Milch. Um 08:00 Uhr sind wir auf dem Weg nach Täsch zum Auto, die Rucksäcke umsortieren. Nach dieser Zeremonie sind wir beide psychisch erst mal voll angeschlagen, denn die Rucksäcke sind trotz echt harten Aussortierens viel zu schwer für eine Tour über das Matterhorn. Wir wissen beide nicht, was wir tun sollen. Weiter auspacken geht nicht. Wir hoffen also, viel anziehen zu können: Klettergurt, Helm, das ganze Eisen, das Seil... Nicht mal ein heimliches Gipfelbier findet Platz. 10:30 Uhr beginnt unser „Aufstieg“, erst mal per Bahn zurück nach Zermatt. Das Matterhorn gibt sich große Mühe, uns zu locken. Ein Traumblick auf den berühmten Fels! Nach kurzer Beratung entfliehen wir dem von asiatischen Touristen geprägten Tal mittels Seilbahn. Zügig geht es so auf 2939m zur Bergstation „Trockener Steg“. Bis zum oberen Theodulgletscher sind es nur ein paar Meter. Steigeisen braucht man bei der Wärme nicht. Langsam schinden wir uns den Gletscher hinauf. Die eine oder andere Seilschaft bleibt hinter uns – oder überholt uns. Wir haben es nicht eilig. Bald schleichen wir uns um das Theodulhorn, um eine Stunde später das im Theodulpass gelegene Rifugio del Theodulo CAI (3317m) zu erreichen. Wir erhalten ein kleines Zweibettzimmer und ordern Abendessen für 19:00 Uhr. Dann rappeln wir uns noch mal auf, um zur Testa Grigia (3479m) aufzusteigen, wo wir bei Sonnenschein den Blick auf den fernen Montblanc und das gegenüberliegende Matterhorn bei einer kleinen Büchse „Heineken“ genießen. Um 17:00 treibt uns die Uhr und einsetzende Kühle zurück zur bildschönen Wirtin der Theodulhütte, die wie alle hier mindestens 3 Sprachen spricht...

Montag, 26.07.2004: Wenn man an soliden Lärchenholztischen sitzt, sich rot-weiße Sonnenschirme in das Bild schieben, italienische Songs durch die Luft schweben und die imposante Testa Grigia 1000 Hm über einem im ewigen Eis thront, stört nur eins: dass der Wirt des Plan Torrette (2470m) bei jeder Lage „Beck’s“ freundlich lächelt und „sette Euro“ verlangt. Egal, so ein schöner angefangener Tag. Unser Abstieg von der Theodulhütte ins Tal Richtung Cervinia war reiner Genuss.
Nun soll es nur noch das Stückchen bis zum Rifugio Duca degli Abruzzi (2802m) gehen. Vorher noch Blick um Blick - auf den vor azurblauem Himmel stehenden Monte Cervino, auf den Leonegrat, die hoch oben glänzende Hülle des Rifugio Carrel (3829m)... Noch ein „Beck’s“. Sail away... Jetzt sind wir guter Stimmung!
Es folgt ein anstrengendes Treten im losen Moränenschotter. In einem weiten Bogen schieben wir uns an das Rifugio Duca degli Abruzzi heran. Nur langsam steigen! Wir brauchen unsere Kraft für morgen. Trotzdem schauen wir bereits kurz vor 13:00 Uhr über den letzten Grat – die Hütte hat kein Dach! Das gibt es doch gar nicht! Ein ungutes Gefühl beschleicht uns. Wir beschleunigen etwas. Und dann haben wir Gewissheit: das Rifugio ist völlig entkernt. Keine Möglichkeit zum Schlafen. Die Sonne lacht. Was tun? Sachen ablegen, in den Ort Breuil mit seinen Skihotels absteigen und morgen mit einem Taxi wieder heraufkommen? Diesen Plan meint Paul sicher nicht ernst. Noch etwas aufsteigen und hinter der leeren Hütte biwakieren? Aufsteigen, so weit wir kommen und dort biwakieren? Ganz und gar die 1000 Hm bis zum Rifugio Carrel (3829m) durchziehen? Wir wissen es nicht. Nur: es ist schade um unseren Tourenplan. Wir beschließen letztlich die Variante Rifugio Carrel. Das Wetter scheint stabil zu sein. Also auf! Wir kommen keine 200 Meter, da stehen wir an einem Schild: „Rifugio Carrel ist für 7-10 Tage geschlossen. Stempel - 22.07.2004“ Kein Grund. Kein Warum. Aber in 4 Sprachen. Auch deutsch. Wir stocken kurz. Ist doch egal. Eigentlich wollen wir sowieso biwakieren. Wenn die da nicht gerade einen Film drehen... Wir schwingen uns im Geröll langsam nach oben. Bald die ersten Kletterstellen. Mit den schweren Rucksäcken eine Schinderei. Irgendwann bei 3350m das erste Schneefeld. Das frisst Körner. Hier steigt Paul vor. Ausgepumpt geht es wieder in den Fels. Zwei Zweierseilschaften kommen uns entgegen. Sie steigen ab. Sie haben in dem geschlossenen Rifugio geschlafen und heute den Aufstieg probiert. Aber sie sind nicht bis zum Gipfel gekommen. Die Fixseile oben sind noch unter Eis. Die Sicherungsringe auch. Und der Grat vom Vorgipfel Pic Tyndall (4241m) zum Gipfelaufschwung des Hauptgipfels so schmal, dass ohne Eisschrauben nichts geht. Nun, wir lassen uns nicht belehren. Irgendwie haben wir jetzt unseren Rhythmus gefunden. Weiter. Die Querung zum Leonesattel gehen wir am Seil. Das spart Nerven. Dann ein Kletterevent – die ersten mit Seilen versehenen Platten, dann ein 10m- Kamin. Mit dem Rucksack ein Albtraum. Der Hammer kommt aber erst an der letzten Platte. Nach einem erfolglosen Vorstiegsversuch mit Rucksack hänge ich in 5m Höhe hilflos mit zwei meterdicken Oberarmen in einem Felsloch fest. Irgendwie zittre ich mich wieder runter. Wir müssen unsere Rucksäcke absetzen, solo klettern und sie dann die senkrechte Platte hinaufziehen. In der Höhe eine Schinderei. Und zeitraubend. Schon ist es nach 21:00 Uhr. Aber es sind nur noch ein paar Meter. Durch die Nachtwolken schimmert diffuses Licht. Das motiviert.
Der Chef der Arbeitertruppe auf der Hütte hält uns eine Bergpredigt. Er muss den Hubschrauber holen. Die Guides werden klagen. Die Polizei wird kommen. Zum Glück haben wir Windstopper-Stirnbänder auf den Ohren. Und Helme auf. Letztlich zahlen wir 30.- Euro, tragen uns ins Hüttenbuch ein und nutzen den stationären Gaskocher, um unsere Nudeln zu kochen, Tee zu bereiten und Schnee zu schmelzen. Irgendwann steht noch Barbara vor der Tür. Auch sie und Colmar, ihr Freund, sind am Eis gescheitert. Draußen schneit es. Wie gut, dass wir hier angekommen, hier untergekommen sind. 23:40 Uhr – noch einmal in den Schneegrieß, den Tee ausschütten. Und dann ab in die Daunen...

Dienstag, 27.07.2004: Wir schlafen bis Punkt 08:00 Uhr. Erschöpfung? Wohlbefinden? Hüttenstille? Sicher irgendwie alles zusammen. Ich stehe als erster auf. Unsere italienischen Bauarbeiterfreunde kommen verschlafen aus ihrem Abteil, als unser Tee bereits fertig ist. Und das bei dem Wetter! Sonnenschein, blauer Himmel. Keine Wolke. Das Hörnchen will uns noch einmal locken. Aber wir wissen, dass die Bedingungen es nicht zulassen. Wir wollen uns nicht umsonst schinden. Der Abstieg wird Spaß genug. Also – umziehen und „schon“ 09:31 Uhr sind wir eingeseilt auf dem Weg. Es zahlt sich aus, dass Paul noch eine Acht in Zermatt erstand. Die heiklen Platten und Passagen sind bald genommen. Auch der Colle de Leone und die stark steinschlaggefährdete Querung, die mich so beunruhigt hatte. Unsere Helme tun trotzdem ihr Gutes, als Barbara und Colmar im losen Schutt über uns nachsteigen. Die Schneefelder, die uns gestern den Saft aus den Waden saugten, machen heute Spaß. Wir sind guter Dinge – aber auch ganz schön langsam unterwegs. Schon tauchen die ersten Aufsteiger auf. Auch sie schlagen unsere Warnungen in den Wind. So, wie wir gestern die der anderen. „Rifugio Carrel ist zu? Dann machen wir Biwak!“ – Na gut. Viel Vergnügen!
2802m, das Rifugio Duca degli Abruzzi in Rufweite unter uns – wieder Zivilisation. Unser Geklimper ist im Rucksack verstaut. Die Bauarbeiten hier unten dauern wohl noch längere Zeit an. Auch vom Rifugio Carrel her hört man jetzt einsetzendes Bohren. Es ist 15:30 Uhr. Auf den Felsen tummeln sich junge Gemsen, im Schneefeld am Gletschersee lärmt eine Schulklasse, Angler stehen am azurblauen Wasser.
Im Moränengeröll abzusteigen macht keinen Spaß. Mir zittern langsam die Knie. Diese Hitze! Und noch so viel Weg! Ringsum Blumenwiesen. Ich habe heute keinen Blick dafür. Dort vorn lockt die Seilbahnstadt Plan Maison. Als wir sie erreichen, fährt natürlich keine Bahn mehr. Auch die Restaurants, Cafés und das WC – alles geschlossen. Das Matterhorn strahlt vorm blauen Himmel. Selbst jetzt noch, nach 19:00 Uhr. Wir machen auf der Sonnenterasse der „Seggiovia Rocce Nere“ Picknick. Paul schlurft noch mal zum nahen Bach, Wasser für die Nacht holen. Wir werden uns bald vor den Eingang der Seilbahnstation ins Biwak legen. Morgen gibt es grenzüberschreitenden Gondelverkehr...


Mittwoch, 28.07.2004: So schnell geht das alles manchmal: nach einer Nacht im Picknickraum der wider Erwarten nicht abgeschlossenen Seilbahnstation Plan Maison werden wir 7:00 Uhr vom lärmenden Personal geweckt. Noch während wir unsere Sachen packen, hören wir Skistiefel unter uns krachen. Also fährt die Seilbahn nicht erst 12:30 Uhr! Komm schon, Paul, komm! Schnell!!! 10 Minuten nach 8:00 Uhr sitzen wir im Rifugio Guide del Cervino auf 3480m. Petrus hat noch mal tief in die Vorratskiste gegriffen. Zum Abschied gibt es Traumwetter. Ein „letztes“ Foto. Das Matterhorn mal von diesem Blickwinkel. Zum wievielten Male? Ach, einfach schön. Einen Café Latte. Ein Gläschen Rotwein. Müssen ja die gesparten Hüttenkosten der letzten Nacht in Italien lassen. Gleich geht es auf die Piste. Wörtlich. Piste Blau zum „Toten Steg“. Noch ein Heineken... Los!
Der Theodulgletscher ist schnell abgeschritten. Ringsum ein Panorama, das zum Hierbleiben lockt: die Monte-Rosa-Gruppe mit dem Rifugio Margharita, das Breithorn und die Plan Rosa im Rücken, das kleine Matterhorn rechts. Die Mischabelgruppe halbrechts. In der Ferne vor uns Gabelhorn, Zinalrothorn und Dent Blanche und natürlich das Matterhorn links im Bild, welches so allmählich wieder seine gewohnte Gestalt annimmt. Echt Toblerone!
Wir können nicht anders, noch ein Bierchen auf der Sonnenterasse am „Trockenen Steg“ Wir genießen die Bergwelt, lassen uns baumeln inmitten deodorierter Touristen. Ein netter Holländer, der mit Frau und Tochter eine Tour um die Monte-Rosa-Gruppe machen will, lichtet uns vor der Traumkulisse ab.
Die Zermatter Seilbahngesellschaft sorgt dann dafür, dass der Urlaub endet, wie er begann: nämlich mit einem Schnäppchen. Wir wissen nicht, warum wir nur das letzte Stück der Talfahrt von Furi bis hinunter nach Zermatt bezahlen müssen. Reisen bleibt billig. Wir schlumpern noch durch den Ort. Das muss sein. Auch der Espresso vorm Autoheck auf dem Parkplatz in Täsch. Ein letzter Kartengruß. Ade Zermatt. Wir kommen wieder...

 

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Text: Dirk Heinecke (E-Mail)
DAV Jena, SSV Eintracht Naumburg Abt. Klettern/ Bergsteigen
Gestaltung: Ulf Köhler (E-Mail)
SBB Dresden
Letzte Überarbeitung: 22.01.2005