Revival-Tour 2000 -
Ein zweiter Versuch am höchsten Berg Österreichs

Großglockner  3798 m

(OD) Donnerstag, der 1. Juni 2000  – Kindertag und Männertag in einem. Grund genug, das Weite zu suchen. Wir wollen unseren Großglockner revivalen. Eigentlich wollten wir in diesem Jahr zu neunt vom Ködnitztal aus angreifen. Aber Ingolf überzog bei seiner 100km-Vorbereitungstour rund um Jena derart, dass ihm sein Arzt des Vertrauens einige blaue Zehennägel von den Füßen zog – was folgerichtig dazu führte, dass Ingolf keinen Stiefel mehr ans Bein bekam. Disqualifikation!!
So treffen wir uns zu acht bei Frau Oberlohr am Lucknerhaus (Stefan alias OA, Brita, Jette (14), Ise (5), Paul, Taten, Friederich (6) und Dirk (alias OD). Von hier aus wollen wir, nach dem Trauerspiel auf dem Hofmannsweg im letzten Jahr (Erlebnisbericht), den Glockner dieses Mal auf der Normalroute über den alten Kalser Weg angehen. Und zwar kombiniert – mit Kurz-Tourenskiern, Harscheisen und Bergstiefeln. Wir wollen in zwei Gruppen aufsteigen. Ein Vorkommando heute bis zur Stüdlhütte - um den Weg für die Kleinen zu testen - und morgen auf den Gipfel und eine Nachhut mit den Kindern morgen bis zur Stüdlhütte und übermorgen auf den Gipfel. Dann kann das absteigende Vorkommando die Kinder übermorgen wieder mit ins Tal nehmen. Soviel zum Plan.
Also: Sachen packen und nach gut 1 ½ Stunden Rumwühlerei nehmen Paul, Taten und ich Abschied, denn wir sind das Vorkommando, welches heute noch zur Stüdlhütte aufsteigt. Der Rest hat sich in Zensi Oberlohrs Bergsteigerbetten einquartiert und macht sich einen bunten Abend. Wir stapfen derweil, bepackt wie die bulgarischen Pirinesel, bei hochsommerlichen
Temperaturen in die Bergwelt. Schritt um Schritt quälen wir uns aufwärts und haben nach etwa einer Stunde die Lucknerhütte auf 2241 m erreicht. Bei einem Wegebierchen kommen wir mit allerhand Wandervolk ins Gespräch und lauschen zwei in Stimmung gekommenen Mitfünfzigern heimlich: „Du hast so schöne Zähne!“ „Ja, ich lege sie auch jeden Abend ins Wasser...“  In diesem Stil verfliegt die Zeit und wir schnallen bald die Gürtel enger, hieven uns die Marterinstrumente auf und stapfen weiter in den wolkenlosen, strahlend blauen Himmel.
Mit der Zeit aber fehlt uns etwas die Kondition. Paul ist „schneeblind“ geworden und torkelt und am unteren Horizont erscheint eine 9er Seilschaft. Das beflügelt noch einmal. 17.45 Uhr stoße ich als erster die Tür zum Winterraum der Stüdlhütte (2801 m) auf, belege drei Betten und sehe mit Vergnügen, wie Paul und Taten eintrudeln. Jetzt noch ein schönes Abendessen, und dann ab in die Kiste...
(Das „Nachkommando“ - OA) Nach Abmarsch der Vorsteigergruppe am späten Mittag des Himmelfahrtstages hieß es für die Zurückgebliebenen (Ise, Friederich, Jette, Brita und OA) Schlaf nachholen. 16.30 Uhr hatten alle ausgeschlafen. Eine Erkundungstour auf dem neu hergerichteten Glocknerpfad war angesagt. Naturnahe Musikinstrumente, zahlreiche Infotafeln und ein herrlicher Ruhepunkt, die Entstehungsgeschichte der Hohen Tauern mit ihrem König, all das hat dieser Pfad zu bieten. Nach einem Picknick, das eigentlich nur eine Trinkpause war, und einem tollen Spielplatzabenteuer folgte zur Abendzeit noch ein himmlisches Bettkonzert, vorgetragen durch unsere beiden Kleinsten.

Freitag, der 2. Juni 2000 (Taten - Vorkommando)
Der Tag unseres Gipfelsturms. Wir sind fast die letzten, die gegen 5.00 Uhr aufstehen und 6.30 Uhr (nach einem Superfrühstück mit 3 Marmeladensorten) mit Skiern auf dem Rücken aufbrechen. Bald stehen wir auf dem Luisengrat in 3100 m Höhe, den wir nach 1 ½ Stunden Aufstieg erreichen. Vor uns liegt unser Ziel, groß, majestätisch – der Großglockner.
Es geht wieder bergab, hinunter zur Gletscherzunge, die Bretter werden angeschnallt und wir wandern los. Wir kommen gut voran, die Sonne lacht, es ist uns fast zu heiß. Wir diskutieren den weiteren Weg. Ziehen wir nach rechts auf den Grat, der zur Erzherzog-Johann-Hütte führt oder umgehen wir diesen und steigen gleich in direkter Linie auf? Nach einem Warnsignal des Berges, der auf Grund der Sonneneinstrahlung Schnee und Eis in Kugeln hinab wirft, entschieden wir uns für den wahrscheinlich sichereren Weg über den Grat. (Mein blaues Knie zeugt heute noch von der Warnung). Gegen 9.30 Uhr erreichen wir den Grat und rasten mit einem netten Bergfreund, der sich als Kampfsporttrainer entpuppt. Er beschliesst, an dieser Stelle umzukehren, begleitet aber unseren weiteren Aufstieg akustisch noch ein Stück mit der Mundharmonika. Nun klettern wir von Stein zu Stein, bald schon ist die Hütte in Sicht. Nach 45 Minuten werfe ich mich dort nieder und beschliesse, die Männer alleine auf den Gipfel zu schicken. Meine Kräfte sind aufgebraucht, ich habe Angst, dass sie für den Gipfel nicht mehr reichen. Und dann ist da ja noch der Abstieg...
10.45 Uhr brechen die Männer auf in Richtung Gipfel. Ich geniesse die Sonne, schlafe im Winterraum der Hütte, fange Schmelzwasser auf, höre mir Geschichten von 30 Jahre alten Blechdosen an und werde sogar aufgefordert, mit einem rüstigen Mitsechziger den Gipfel zu erklimmen. Inzwischen ziehen Wolken auf, Tal und Berge verschwinden.
(OD) 10.30 Uhr blicken wir sehnsuchtsvoll nach Nordwesten. Im Sonnenlicht thront der Doppelgipfel des Glockners, keine 300 Höhenmeter über uns. An seinen Flanken turnen kleine Punkte hinauf und herab. Unsere Verfassung ist für Minuten nicht die beste. Sollten wir wieder scheitern, hier auf 3500 Metern? Dieser Berg muss doch zu fassen sein! Mit diesem Vorsatz zogen Paul und ich entschlossen in Richtung Glocknerleitl.
Die Sonne hat aber Kraft und wir sind so spät dran, dass wir alsbald im tiefsten Sulz an der Ostseite des Kleinglockners zu scheitern drohen. Immer wieder rutschen wir mit unseren kurzen Skiern im steilen Gelände aus der Spur. Nur dem Überholmanöver einer 3er Gruppe auf längeren Skiern ist es zuzuschreiben, dass wir diese kritische Situation meistern. Endlich
Skidepot, Steigeisen an die Füße und nach dem mühsamen Erreichen des Gipfelkamms des Kleinglockners arbeiten wir uns – immer seilgesichert – über die luftigen Gratmeter hinunter zur imposanten Scharte mit dem herrlichen Blick in die Pallavicinirinne. Wenig später stehen wir am Gipfelkreuz und geniessen den Blick in die Bergwelt, der allerdings durch allmählich aufsteigende Nebelschwaden immer mehr getrübt wird. Wir sind so spät am Gipfel, dass wir Platz und Zeit haben, denn kaum eine andere Seilschaft ist noch am Berg. Der Abstieg gestaltet sich einfach – wir seilen uns ab, wo immer es geht. Noch eine kurze Skiabfahrt und wir sind wieder bei Taten. Da morgen Großmanns auf den Gipfel wollen und wir so spät dran sind bleibe ich gleich auf der Adlersruh – etwas unvorbereitet. Aber der Berg ruft noch mal...
(Taten) Nach langer Zeit des Wartens kommen Paul und Dirk gegen 16.00 Uhr vom Gipfel zurück. Wir tauschen das Gepäck. Paul und ich nehmen den Weg zurück zur Stüdlhütte, an der Großmanns mit den Kindern schon aufgeregt warten. Sie haben Sorgen gemacht, weil wir so spät kommen. Gekocht haben sie auch schon: es gibt leckere Nudeln und für Paul und Stefan Bier und „Apfelschorle“. 21.30 Uhr fallen wir in die angesichts der übervollen Hütte hart erkämpften Betten.

(Die „Zurückgebliebenen“- OA) Frühstück bei Frau Oberlohr senior. Danach ging es auf den Weg zur Stüdlhütte, also von 1900 auf 2800 m Höhe. Friederich voll funktionell ausgerüstet und Ise mit zusammengesuchten Sachen gaben eine super Vorstellung ihres bergsteigerischen Könnens. Über Schotter, Eis, knietiefen Sulz und über die Felsen ging es ohne Murren (Ise sogar mit nassen Füßen) bis zur Stüdlhütte. Nach 4 ½ Stunden Marsch hatten wir gegen 13.00 Uhr die Hütte erreicht. Massen über Massen. Ein total überfüllter Winterraum mit einer eigenwilligen Art Reservation von Liegeplätzen, unzählige Zelte mit tschechischen und slowenischen Bergfreunden um die große Hütte herum. Es war eigentlich das Gegenteil von dem, was wir uns ausgemalt hatten. High life auf 2800m. Sehnsüchtig erwarteten wir die Rückkehr unserer Gipfelstürmer. Gegen 17.00 Uhr war meine Geduld zu Ende. Ich stieg auf den Scherensattel, um Ausschau zu halten. Dort hinten kamen sie, in weiten Schwüngen die Firnfelder hinunter. Aber es waren nur zwei, nämlich Taten und Paul! Kurze Aufregung. Aber: OD war auf der Adlersruh geblieben, um sich für den zweiten Gipfelsturm 650 Höhenmeter zu sparen. Die Nacht im Winterraum der Stüdlhütte war muchtig und eng. Jette und ich mussten sogar mit dem Fußboden vorlieb nehmen.

Samstag, der 3. Juni 2000 (Brita)
Der Wecker (OA`s Höhenuhr)  klingelt erstmals um 2.50 Uhr. Doch Taten überwacht das Aufstehen und ist der Meinung, dass es noch viel zu dunkel sei. Noch mal kurz schlummern, gegen 3.20 Uhr geht es raus aus dem Sommerschlafsack. Sachen packen, Bindung einstellen, Felle drauf und genau 4.07 Uhr wird der Stüdlsattel in Richtung Ködnitzkees verlassen. Durch Jettes gute Spurarbeit erreichen wir nach 3 Stunden unseren Frühstücksplatz, die Adlersruh auf 3454 m. Von hier aus haben wir drei einen gipfelerfahrenen Führer, nämlich OD. Dieser hat eine kalte, leicht feuchte und trinkwasserarme Nacht hinter sich. Aber da der Gipfel lockt, lässt er sogar die mitgebrachten Salamischnittchen liegen und nimmt nur einen Schluck heißen Tee. Nur mit 2 Rucksäcken - die natürlich die Männer tragen - geht es auf Tourenskiern zügig das Glocknerleitl hoch, denn viele Seilschaften sitzen uns schon im Nacken.
Bei etwa 3680 Höhenmetern vertauschen wir unsere Skier mit den Steigeisen. Dann heißt es Frontzackeneinsatz bis auf den Kleinglockner. Beim ersten Steilanstieg bis auf 3770 m wird uns dann schon, da wir noch nicht angeseilt sind, etwas mulmig. Der Schnee ist zwar gut angeharscht und wir haben einen festen Tritt, ab dem Kleinglockner wird dann aber doch mit Seil gesichert.
Oben auf dem Grat sind schon viele Kletterer unterwegs, also verhalten wir uns anfangs sehr höflich und rücksichtsvoll, lassen Bergfreunde passieren und helfen an heiklen Stellen. Da wir aber so gar nicht voran kommen und von dürftig gesicherten Bergsteigern oft noch belächelt werden, ziehen wir dann auch einfach durch die Scharte und über den Grat bis auf den Gipfel.
Den haben wir dann für einen kurzen Augenblick fast für uns allein. Gipfelfoto – kurzer Rundblick (der in diesem Moment leider nicht besonders ist) – und dann steht Mister Bettenklau vor uns. Da wir nun gut gesichert den Rückweg antreten, müssen wir uns auch noch von ihm belasten lassen.
Nach zwei kontrollierten (oder wenigstens fast kontrollierten) Stürzen meinerseits kommen wir heil am Skidepot an.Ski anschnallen und dann in großen und kleinen Schwüngen (oder auch mal die Schneetiefe messend) erst einmal bis zur Adlersruh. Dirk gönnt sich noch ein Highlight und fährt - anfangs fast in freiem Fall - die Steilwand zum Ködnitzkees hinunter. Aber unser Abstieg über den Felsgrat ist nicht minder gefährlich, denn der Klettersteig von der Erzherzog-Johann-Hütte bis auf das Ködnitzkees ist aufgrund eines Schlechtwettereinbruches mit starken Graupelschauern rutschig, nass und schwer begehbar.
Weiter über den breiten Gletscherrücken geht es per Skier besser als gedacht bis zur Stüdlhütte. Dort werden die zurückgelassenen Sachen auf 4 Rucksäcke verteilt, die Skier wieder untergeschnallt und nach kurzer Zeit stehen wir wieder vor der Lucknerhütte auf 2241 m, aus der schon seit einiger Zeit die Sturzbierrufe schallen...
Dann geht es im Sauseschritt mit schmerzenden Zehen und blauen Schienbeinen von der Lucknerhütte zum Lucknerhaus, wo wir vom Rest der Mannschaft schon sehnsüchtig erwartet werden.
(OD) Der Sonnabendabend sieht uns alle vereint im Lucknerhaus. Die Kleinsten waren am Vormittag die 900 Höhenmeter von der Stüdlhütte hinab wo immer es ging per Arschrutsche zurück gerutscht, begleitet von Taten und Paul.
Ein schöner Abend bei Fam. Oberlohr und ein langes, langes sehr informatives Gespräch über Alpingeschichte mit Herrn Oberlohr sen. im Angesicht des erstiegenen Glocknergipfels lassen uns eine gewisse Vorfreude auf die Ausstellung "Der Berg ruft!" in Altenmarkt-Zauchensee entwickeln, zu der wir morgen auf der Rückreise einen Abstecher unternehmen wollen. Langsam entwickelt man immer stärker ein Wissen darum, dass Alpinismus nicht nur das Ersteigen von Gipfeln, das Besuchen von Hütten oder das Erleben von Gletschern umfasst, sondern  das Alpinismus eben auch eine lange, opfervolle Geschichte von persönlichen Schicksalen, gewagten Expeditionen, von Glück, Erfolg und Tragödien ist. Und wie viele  Aspekte diese Geschichte beinhaltet, macht uns die umfangreiche Ausstellung am nächsten Tag in Ansätzen deutlich.....
 
 
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Text: Kathrin und Dirk Heinecke (E-Mail)
Brita und Stefan Großmann (E-Mail)
Gestaltung: Ulf Köhler (E-Mail) Letzte Überarbeitung: 30.12.2004