Großglockner 3798 m
Für das späte Frühjahr hatten wir uns dieses Jahr eine Besteigung des höchsten Gipfels Österreichs, des 3798 Meter hohen Großglockner, vorgenommen. Das ist die Zeit, in der die Ski-Tourengeher nicht mehr und die Bergwanderer noch nicht unterwegs sind. Das verspricht Einsamkeit in den Bergen, bedeutet aber auch oft schlechte Bedingungen, denn der alte Schnee ist dann schwer und morsch, wie man sagt.
Nach den verheerenden Schneefällen in diesem Winter schoben wir
die Tour etwas vor uns her, aber dann war es soweit: Donnerstag, der
13. Mai, Männertag 1999. Kurz nach 12.00 Uhr parkten wir im Nationalpark
Hohe Tauern in der
Glocknergruppe am Bergrestaurant Lucknerhaus auf 1984 m und orderten
ein „Angekommen-Bier“ und Gulaschsuppe.
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| Warten auf das "Angekommen-Bier" | Sortieren und Rucksack packen bei besten Bedingungen | Rast oberhalb des Lucknerhauses |
Bald hatten wir die Rechnung gezahlt und stapften, beladen wie die Maulesel,
auf einem breitgetretenen Pfad in Richtung Glorerhütte, die - auf
2650 m Höhe gelegen - unser Nachtdomizil sein sollte. Die Frühlingssonne
hatte hier unten im Tal den Schnee bereits abgeschmolzen und die ersten
Schmetterlinge umflatterten uns. Der Rucksack drückte, die Gurte zerrten
und die Sonne stach, so daß der Schweiß in Strömen floß.
Ab 2100 m wurde es dann mühselig. Wir hatten die Schneegrenze bereits
erreicht und waren geschafft, denn wir brachen bei jedem dritten Schritt
im knietiefen Sulz, schwerem angetauten Schnee, ein. Die Spurer ganz vorn
hatten zu tun. Berg und Sulz zogen die Körner aus den Wadeln und Schenkeln
– aber nach zwei Stunden mühseligen monotonen Stapfens sahen wir das
Dach der verschneiten Glorerhütte und gegen 18.00 Uhr machten wir`s
uns im Winterraum, der eigentlich eine komfortable 4-Bett-Biwak-Schachtel
mit Herd, Holz und Decken ist, bequem.
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| Auf dem Weg zur Glorerhütte | Der Eingang zum Winterraum mußte erstmal freigeschaufelt werden. |
Freitag, 14. Mai 1999: Früh um sechs Uhr piepst es in Stefans Schlafsack. Aber das interessiert erst mal niemanden. Es ist so kuschelig in den Daunensäcken. Trotzdem waren wir alsbald unterwegs und gleich darauf wartete das erste Abenteuer – eine Gebirgsbachquerung über den vom Schmelzwasser angeschwollenen Leiterbach. Die weitere Route führte durch ein herrliches Tal den Bach entlang. Gegen 15.00 Uhr standen wir an der roten Standseilbahn zwischen Franz-Josefshaus und dem Pasterzenkees, dem größten Gletscher Österreichs. Von hier aus blickt man hinüber in die imposante Wand des Glockner und man sucht in den steil abfallenden Flanken Anhaltspunkte für die weitere Tour. Nun folgte Pasterzenstampfen bis zum felsigen Steilaufstieg zur Hofmannshütte, denn der Normalweg zwischen Franz-Josefshaus und Hofmannshütte war wegen Steinschlag gesperrt. Fix und fertig schindeten wir uns die Höhenmeter zur Hofmannshütte hinauf und hier gabs den großen Schock: Es gibt keinen Ofen! Und dabei sind wir heute voll in den Regen gekommen! Bibbernd kochen wir noch Nudeln auf den mitgeschleppten kleinen Gaskartuschenkochern. Doch dann ist Schluß – denn morgen kommt die Königsetappe und mir ist schon etwas bammelig ...
Samstag, 15. Mai 1999: Um fünf schon piepst diesmal Stefans
Uhr, weil wir zeitig los wollen. Das scheint auch dringend angebracht,
wenn man sich das Höhenprofil anschaut. Der Abstieg von der Hofmannshütte
(2444 m) auf den Mittleren Pasterzenkees gestaltete sich noch etwas eirig.
Aber bald schon zogen wir in zwei 3er-Seilschaften quer über den Gletscher.
Das Eis war von der kalten Nacht schön hartgefroren und angeharscht,
so daß es gut trug und wir bald am Einstieg zum Glocknerkar
standen, um in der vereisten, schneebedeckten Nordflanke zu unserer letzten
Hütte vor dem Gipfel zu steigen – der sogenannten Adlersruh auf 3500
m. Der Aufstieg zum ersten markanten Felsvorsprung, dem Glocknerkarkamp,
war zerrend, aber wir waren gut bei Kräften und teilten uns geschickt
in den Vorstieg, so daß wir recht flott Höhenmeter machten.
Gegen zehn Uhr standen wir auf dem Glocknerkarkamp und hatten einen sagenhaften
Blick über das glitzernde Pasterzenkees tief
unter uns und den Johannisberg, der in strahlendes Weiß gekleidet
mit seinen 3463 m das ganze Tal dominiert und den Gletscher speist. Endlich
gehen im Fels! Aber das gestaltet sich anstrengender als gedacht und so
sind nach gut 200 Höhenmetern alle froh, daß es wieder ins Eis
geht. Bis zu dem Moment, als Paul im Vorstieg bei der Querung einer Schneerinne
bis zum Brustkorb im angeschwemmten Sulz versinkt und sein Eispickel keinen
Halt mehr findet. Glücklicherweise hält das Eis den Nachsteiger
und wir meistern die brenzlige Situation.
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Das Tagesziel Erzherzog-Johann-Hütte. |
Ach, was hatten wir ansonsten für einen schönen Tag! Die Sonne war ständig dezent vorhanden und spiegelte sich im Gletschereis. Der Himmel riß oft auf und war strahlend blau. Bei den Pausen, in denen wir uns rücklings ins Eis plumpsen ließen, hatten wir einen klaren Blick auf die weit unter uns liegende Hofmannshütte und die Sonnenterasse des Franz-Josefshauses, auf der wir mit Bewunderern rechnen durften. An den Rest des landschaftlich wunderschönen Aufstiegs erinnere ich mich nicht so gern. Frau Holle hatte weiß eingezuckert – ab 3000 m gab es immer wieder leichten Pulverschneefall – aber die Körnchen waren alle und nur der freie Blick auf das Tagesziel ließ uns am Ende noch drei Stunden stapfen wie die Esel und Sauerstoff pumpen wie die Maikäfer. Die Adlersruh ist ein großer moderner Bau in 3500 m Höhe, in dem im Sommer bis zu 180 Bergfreunde die Nacht verbringen – vereint durch ein gemeinsames Ziel: einen Blick vom Großglockner auf die unter dem Gipfelkreuz liegende Welt zu werfen. Aber bei diesen unwirtlichen Bedingungen sieht es anders aus. Wir schaufeln uns den verschneiten Eingang zur Hütte frei. Auch in diesem dritten Winterraum auf unserer Tour sind wir unter uns. Es ist bitter kalt. Zum Glück gibt es einen Kanonenofen und der DAV hat genügend Brennholz hinterlegt. Schon bald schmilzt der erste Schnee in den Töpfen und dampft wenig später als Tee in den Tassen ...
Sonntag, 16. Mai 1999: Morgens schaukeln wir schlaftrunken hinaus.
Neuschnee! Die Welt ist strahlend weiß, der Himmel auch. Schneetreiben
um uns. Wir sehen ein paar Meter. Aufbruch: anseilen, überwinden und
los geht es. Aber nicht weit. In dem tiefen Schnee, in dem beißenden
Schneesturm bleiben wir stehen, mutlos und müde, beraten und beschließen
die Umkehr. Also Abstieg! Es hat unter diesen Bedingungen keinen Sinn weiterzugehen,
denn die schwierigste, die Schlüsselstelle, der messerscharfe Grat
vom Kleinen auf den Großglockner, lag ja noch vor uns – oben im Schneesturm.
Gut. Zurück in die Hütte, Sachen gepackt, Rucksäcke auf,
angeseilt und schon zogen wir den ausgesetzten Grad von der Adlersruh in
Richtung Stüdlhütte hinab. Steil fällt der Blick zu beiden
Seiten mehrere hundert Meter ins Leere und bei dem Wind und der Schneeauflage
gibt der Fels nur eine trügerische Sicherheit. Auf dem Abstieg kommen
uns mehrere Seilschaften gut ausgestatteter aber auf dem letzten Ast pfeifender
Tourenskigänger entgegen, die 300 m unter uns am Ködnitz-Gletscher
ihr Skidepot angelegt hatten. Wir stiegen weiter ab. Als wir den Gletscher
im Schneegestöber auf dem Weg zur Stüdlhütte zu weit hinab
gelaufen waren, brach der Himmel langsam auf. Wir entschlossen uns noch
dazu, einen kleineren Zwischengipfel auf dem Luisengrat zu besteigen: die
Schere (3043 m). Von hier aus ging es auf der Südseite des Glockner
ruck-zuck 200 Höhenmeter auf einer Skipiste zur neuen, nein nagelneuen,
Stüdlhütte auf 2801 m hinab durch den tiefen weichen Sulz. Wir
hatten etwas Glück, denn die Hütte war gerade dabei geschlossen
zu werden. 12.00 Uhr war heute Ausschankschluß. Die Saison für
Tourenskigeher beginnt jährlich im Februar und endete just heute.
Erst am 22. Juni wird wieder eröffnet. Aber während wir verschwitzt
unsere Gulaschsuppe löffelten und die Wirtsleute emsig ihre Siebensachen
packten, riß es draußen immer stärker auf. Die Wolkenlöcher
gaben einen Blick auf den 1000 m über uns thronenden Gipfel frei,
den wir heute früh fast schon berührt hatten. So konnten wir
uns über das Glück gar nicht richtig freuen – und je besser jetzt
das Wetter wurde, desto enttäuschter schauten wir zurück.
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| Gipfelfoto auf der Schere | Abstieg zur Stüdlhütte | Als wir unten waren, zeigte sich der Großglockner wieder von seiner besten Seite |
Später stapften wir schweigend das Ködnitztal hinab, den Großglockner in seiner Wolkenfahne im Rücken. Die alte Ködnitztalpiste lief sich gut, manchmal rutschten wir auch auf unseren Goretexhosenböden, was kurz Jubel und Heiterkeit auslöste. Um 15.00 Uhr waren wir weitere 800 stauchende Höhenmeter tiefer an unserem Auto angelangt, dem Ausgangspunkt unserer Tour. Strahlender Sonnenschein und Frühlingsblüher rings um uns. Wir ließen uns auf die Moränenwand am Parkplatz fallen, schmissen Schuhe und Strümpfe weit von uns, machten eine Tüte Sauerkraut auf und hörten „Rosenstolz“. Richtig Freude wollte nicht aufkommen. Dort oben, 1.800 Meter über uns, strahlte der blendend weiße Gipfel des Großglockner im strahlend blauen Himmel sonnenüberflutet und spottete uns aus – warum hatten wir die Reservetagkarte nicht gezogen? Warum waren wir der ersten Tourenski-Gruppe nicht nachgestiegen? Warum hatten wir nicht bis Mittag gewartet? Warum, warum...? Vielleicht ist die lohnendste Zeit zum Aufbruch manchmal doch nicht die Stund', in der der Tag anbricht?
Montag, 17. Mai 1999: Früh um acht sitzen wir im Lucknerhaus
am Frühstückstisch. Das Ködnitztal ist stark bewölkt
und: „Es hat unter 0°C gehabt.“ Wo ist der Berg? Wo unsere Sehnsucht?
Innerlich geläutert steigen wir in unseren Kombi. Eine kurze Runde
über den Parkplatz – dort oben schält sich eine weiße Spitze
aus dem Dunst. Noch haben wir das nicht verarbeitet. Aber den Blick von
da oben holen wir uns noch ...
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| Text: Dirk Heinecke (E-Mail) | Gestaltung: Ulf Köhler (E-Mail) | Letzte Überarbeitung: 30.12.2004 |