Elbrus 5642 m
Der Elbrus. Ein Vulkanrest, der sich in zwei runden Hügeln weiß vor einem blauen Himmel abhebt, ist vielen ein Begriff. Mit seinen zwei Gipfeln (Westgipfel - 5642 m, Ostgipfel - 5621 m) liegt er etwa 10 km nördlich des Hauptkammes im Nebenkamm, der den Kaukasus in Ost- und Westkaukasus trennt, und befindet sich deshalb völlig auf europäischem Gebiet. Jedoch ist die Tatsache, dass der Elbrus der höchste Berg in Europa ist, kaum bekannt. Für viele erfüllt der Montblanc in Frankreich, mit seinen 4810Hm höchster Berg der Alpen, dieses Superlativ. Politisch liegt der Elbrus in der Russischen Föderation, genauer in der Kabardino-Balkarischen Republik, einer ihrer Teilrepubliken. Tschetschenien ist nicht weit entfernt. Man spürt das bei der Einreise schon an aufwendigen Grenzkontrollen. An den Straßen in den Kaukasus hinein stehen immer wieder bewaffnete Einheiten, mit geladenen Maschinenpistolen im Anschlag, sogar mit Panzern. Aber uns beunruhigt das eher, als dass es uns beruhigt.
Und doch muss jeder ambitionierte Bergsteiger wegen dieser Geographie einmal im Leben nach Russland. Denn wer die sieben Summits, die jeweils höchsten Gipfel der sieben Kontinente, besteigen will, der kommt am höchsten Berg Russlands nicht vorbei. Als offizielles Datum der Erstbesteigung gilt der 10. Juli 1829, als der Kaukasier Killar Chaschirov als einheimischer Führer für eine russische Expedition als einziges Expeditionsmitglied den Gipfel erreichte. Heute ist das Sprachgewimmel im Basecamp des Normalweges, den Botschkis, die sich rot-weiß an den Berg lehnen, international. In diesem Sommer versuchten auch meine Schwester Brita und ich, unter der Regie des Deutschen Alpenvereines, das Dach Europas zu ersteigen...
Ein Jahr Vorbereitung, drei Mal die Woche Training, Treppenläufe und Bergläufe am Panoramaweg, Ausdauerläufe wie zur Vorbereitung eines Marathons und natürlich das mentale Einstellen auf den Berg sollten sich heute, am Montag, dem 19.07.2004, bewähren. Denn nach einer Woche im Kaukasus mit Akklimatisationstouren auf den Tscheget (3400m), den Donguz Orun Pass (3250m), der Russland von Georgien trennt und ein militärisch streng bewachtes Gebiet darstellt, der Besteigung des 3550m hohen Pik Kechani, des wildromantischen Gumatschi (3810m) und Eingehtouren zu den 4700m hoch gelegenen Pastuchov-Felsen unterhalb des Elbrussattels war endlich Gipfeltag! Doch als um 02:40 Uhr die Uhr im Botschki piept, ist davor alles frisch eingeschneit. Noch immer fallen weiße Flocken vom Himmel. Ringsum ein einziges White-out. Die exponierte Lage des Berges zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer sorgt für berüchtigte, abrupte und gefährliche Wetterumschwünge. Wenn einem das oben auf dem Gletscher passiert, ist man in einer echt misslichen Situation. Uns bleibt also nur ein Gang zur Toilette am anderen Ende des Camps. Und dann schnell wieder in die warmen Daunen! Wir müssen diesen Tag verwarten. Auch das will gelernt sein. Warten ist manchmal anstrengender, als der Aufstieg. Was, wenn alles umsonst war? Wenn der Berg uns nicht will? So wie letztes Jahr unsere Männer?
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Am späten Vormittag reißt es auf. Wir hoffen. Wir machen uns noch auf zur 400Hm über uns gelegenen Prijut 11, der berühmtesten Bergsteigerhütte Russlands: 1929 erbaute man eine kleine Hütte in 4160m Höhe und nannte sie Prijut 11 (die Zuflucht der 11), nach einem Zelt, welches vorher von 11 Wissenschaftlern an diesem Punkt errichtet worden war. 1932 wurde ihre Kapazität auf 40 Plätze erhöht. Es entstanden Pläne, ein modernes Hotel zu bauen. Diese wurden 1939 mit einem dreistöckigen, in Metall gekleideten Gebäude verwirklicht, das die Sowjetunion stolz als „höchstes Hotel der Welt“ bezeichnete. Die Planung und Konstruktion der Hütte wurde vom Architekten und Alpinisten Nicolas Popov und seinem Assistenten Ferdinand Kropf, einem Österreicher, der sich in der Sowjetunion niedergelassen hatte und später Leiter des Rettungsdienstes wurde, überwacht. Diese Hütte konnte 120 Gäste aufnehmen, war doppelt verglast und wetterfest.
Während des II. Weltkrieges wurde der Elbrus - und mit ihm die Prijut 11 - zu einem Prestigeobjekt stilisiert. Mitte August 1942 hatte die Wehrmacht große Gebiete nördlich des Balkans besetzt und versuchte langsam die Bergtäler des westlichen Kaukasus einzunehmen. Am 14. August überquerte die Alpine Division „Edelweiss“ den 4000m hohen Khotiutau-Pass von Westen her und kam unerwartet an der Prijut 11 an. Die Deutschen gaben den wenigen Bewohnern zu verstehen, dass Widerstand zwecklos sei und gaben ihnen die Möglichkeit, ungehindert die Hütte zu verlassen. Nach kurzer Absprache nahmen diese dieses Angebot an. Kurze Zeit später war die Hakenkreuzfahne auf dem Gipfel des Elbrus zu sehen. Kursierende Geschichten berichteten wenig später von einer "heroischen" Bombardierung der Prijut Hütte durch russische Piloten. Abgesehen davon wurden die Deutschen im Winter 1942 zurückgeschlagen und verließen Stalingrad und die Wolga. Die Wehrmacht zog sich infolgedessen am 10. Januar 1943 vom Elbrus zurück und Mitte Februar wehte die Sowjetische Flagge wieder auf dem Gipfel des Elbrus. Die Prijut 11 wurde wieder Ausgangspunkt bergsteigerischer Aktivitäten. Bis 1998. Am 16. August 1998, so heißt es, war eine Gruppe von Bergsteigern dabei, sich eine Mahlzeit in der Prijut 11 zu kochen. Doch obwohl hier 120 Gäste untergebracht werden konnten, hatte diese Hütte nur eine winzige Küche mit einem vierflammigen Gaskocher. Aus diesem Grunde benutzten die Bergsteiger oft ihre eigenen Gaskocher. Einer dieser Gaskocher geriet außer Kontrolle und in der folgenden Panik ergriff jemand einen nahen Kanister, im Glauben er sei mit Wasser gefüllt. Er versuchte das Feuer zu löschen. Der Kanister enthielt jedoch Benzin und das Feuer geriet völlig außer Kontrolle. Alles, was nach 59 Jahren übrig blieb, war das eiserne Skelett der Hütte. Erst im letzten Jahr hat man über dem nahen alten Sanitärtrakt eine neue Hütte errichtet. Die alten Grundmauern dienen Expeditionen als Windschutz für ihre Zeltlager. Wir sind froh, wieder zurück in unsere Botschkis zu können...
Dienstag, 20.07.04, unser zweiter Versuch. Irgendwie verschlafen wir das Piepsen der Uhr, der Arm steckt zu tief im Schlafsack. Die Nacht war sternenklar, deshalb auch kalt. Aber die innere Anspannung lässt uns trotzdem rechtzeitig wach werden. Es gibt Tütenkascha und ein paar Kekse. Hunger hat keiner. Um 04:00 Uhr brechen wir auf. Die Amis von nebenan sind schon seit einer Stunde unterwegs. Für sie ist Russland sicher noch mehr Abenteuer als für uns. Sie staunen genauso wie die Österreicher und Schweizer oder unsere westdeutschen Bergfreunde, wenn wir kyrillische Buchstaben entziffern und aussprechen können. Wenn wir Chleb verlangen und Brot bekommen, oder Syr oder Kalbasa. Da hat man als ehemaliger DDR-Bürger wirklich Bildungsvorteile. Am Berg hilft das aber heute wenig. Da muss jeder für sich arbeiten. Die aufgehende Sonne wirft den Schatten des Elbrus auf die gegenüberliegenden Bergwände. Wir kämpfen gegen den kalten Wind und die dünne Luft. Bald schon haben wir die Franken vor uns eingeholt. Sie leiden mehr unter der Höhe und der dünnen Luft als wir, wollen den Kaukasus in einer Woche erobern. Unsere Akklimatisation zahlt sich wirklich aus. Aber das Gehen mit Steigeisen in dieser Höhe strengt auch uns unendlich an. Endlich erreichen wir den Elbrussattel (5350m). Pause. Trinken. Der Versuch zu essen, aber die Powerriegel sind bei minus 15 Grad tiefgefroren. Selbst das strengt an. Vor uns liegen die Trümmer der alten Sattelhütte. Im Jahre 1930 erbaute man diese kleine Hütte unter schwierigsten Bedingungen. Sie wurde bald von Bergsteigern überflutet, da in den folgenden Jahren das „goldene Jahrhundert“ der russischen Bergbesteigungen begann. Das Unvermeidliche passierte schließlich 1936: Eine große Gruppe junger und unerfahrener Komsomol-Mitglieder versuchte den Aufstieg im Winter. Zu der Zeit weht der Wind den Puderschnee von den höher gelegenen Berghängen und hinterlässt große Regionen von freigelegtem, harten Blankeis. Der Abstieg wurde bei gutem Wetter unternommen, aber einer der Teilnehmer rutschte auf dem Eis aus und löste eine Kettenreaktion aus. Viele der Kletterer starben an diesem Tag. Sie rutschten über die vereisten Berghänge hinunter und zerschmetterten an den Felsen von Pastuchov. Später zerstörte eine Lawine auch die Hütte selbst, deren Lage an einer Steilwand ungünstig gewählt worden war.
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| Text: | Kathrin Heinecke (E-Mail) DAV Jena, SSV Eintracht Naumburg Abt. Klettern/ Bergsteigen |
Gestaltung: | Ulf Köhler (E-Mail)
SBB Dresden |
Letzte Überarbeitung: 14.01.2005 |