Allalinhorn 4027 m
„Der Weg ist das Ziel“- hatten wir uns immer wieder gesagt. Und heute wollen wir uns eigentlich nur an die Höhe über 2000m gewöhnen. Aber dieser Dienstag (25.07.2000) ist einer jener Tage, an denen man morgens in den Himmel schaut, das Barometer betrachtet und sich sagt: „Jetzt! Oder nie.“ Also jetzt.
Stefan und ich nehmen die Rucksäcke her, packen alles aus, sortieren
um und packen wieder ein. Luise (5), Friederich (6), Mareike (14) und Brita
bekommen etwas mehr Müsli in die Frühstücksschüssel,
denn heute geht es hoch hinaus. Wir hatten die letzten Tage schlechtes
Wetter hier im Wallis in der Schweiz. Der Regen, der hier unten in Saas
Grund (1500müN) nach zwei Tagen durch alle Nähte unserer Zelte
drang, war ab 2500m als Schnee über die Bergeshöhen niedergegangen
und Wolkenschwaden sorgten für ein ewiges, bedrückendes Grau
in Grau.
Heute aber ist alles anders und deshalb schmeißen wir die geplante
Akklimatisationstour durch den Dauerregen über den Haufen und bemühen
die Seilbahn AG Saas Fee. Mit der Metro Alpin, einer Standseil-U-Bahn durch
einen in den Fels getriebenen Tunnel, gelangen wir zum Mittel-Allalin,
einem Drehrestaurant auf 3500m Höhe. Hier, im frischen Neuschnee,
legen wir die Klettergurte an und bilden zwei Dreierseilschaften, so daß
die Kleinen jeweils in der Mitte laufen können. Dann zurren wir die
notwendigen Steigeisen an die kleinen Wanderschuhe und stapfen durch das
gleißende Weiß auf den über uns thronenden Gipfel des
Allalinhorns zu.
Anfänglich zieht sich der Einstieg auf einer Skipiste in westliche
Richtung. Für uns ein Vorteil, können sich die Kinder doch so
mit dem ungewohnten Gehen auf Steigeisen im Neuschnee vertraut machen.
Bald aber überschreiten wir die Abgrenzung des gesicherten Geländes
und nun geht es steil hinauf, in die Eisflanke des Feegletschers. Meter
um Meter arbeiten wir uns in der langsam dünner werdenden kühlen
Luft nach oben. Immer wieder kurze Pausen einlegend, um Gummibärchen
oder Schokolade auszuteilen. Und um zu trinken. Die trockene Höhenluft
zieht uns – und vor allem den Jüngsten – bei jedem Atemzug einen Schleier
von Feuchtigkeit aus dem Körper. Ganz abgesehen von dem Schweiß,
der in Strömen am Leib herab rinnt. Es ist wichtig, diese Verluste
ständig zu kompensieren, um den Körper leistungsfähig zu
halten.
Langsam ist inzwischen die Sonne höher gestiegen und brennt nun
von einem strahlend blauen Himmel auf uns und die frisch weiß gepuderte
Welt um uns nieder. Kaiserwetter. Ganz glücklich sind wir darüber
nicht, denn man weiß nach so viel frischem Schnee nie genau, wo sich
die sicheren Schneebrücken über die Gletscherspalten, die nun
vor uns liegen, befinden. Und zu viel Sonne macht die Brücken zusätzlich
weich. Zwar gibt es eine Abstiegsspur von den gestrigen Seilschaften, aber
eine Schneebrücke kann ja auch beim neunundneunzigsten Passanten brechen.
So schlängeln wir uns vorsichtig hinauf ins Feejoch, einem Bergsattel
in 3826m Höhe. Von diesem Sattel aus hat man einen guten Blick zurück,
hinunter nach Saas Fee, das über 2000m tiefer gelegen aussieht wie
eine Modell-Eisenbahn-Spielplatte. Auf der anderen Seite ein wunderschöner
Blick hinüber zum Matterhorn, das heute in einer riesigen Schneefahne
hängt. Es heißt nur kurz rasten, denn durch den Sattel fegt
immer ein starker Wind. Für ihn die bequemste Möglichkeit über
den Gebirgszug zu kommen, für den Bergsteiger eine kühle Angelegenheit.
Der Blick auf die gleißend helle Flanke des vor uns liegenden
Allalinhorns, unseres heutigen Zieles, läßt uns ahnen, was uns
und den Kindern noch bevorsteht – und es tut gut zu wissen, daß manchmal
auch der Weg das Ziel sein kann. Gerade im Alpinismus. Gewunden in steilen
Serpentinen nähert sich die Normalroute dem Gipfelaufbau und in einem
weiten Bogen gelangen wir letztlich auf den in 4000m Höhe liegenden
Gipfelgrat. Noch gut 50m auf spitzem Gestein und endlich, kurz vor Mittag
schlagen wir an das Holzkreuz, das den höchsten Punkt des „Hörnchens“,
4027müM, markiert. Geschafft! Glücklich und gezeichnet von den
Mühen schauen wir in die Bergwelt. In engster Nähe zu uns weitere
12 Viertausender. Die berühmte
Mischabel-Gruppe mit Alphubel, Täschhorn, Dom (4545m) und Lenzspitze
im Westen und weiter am Horizont der Grand Combin und der Montblanc (4807m),
tief in Frankreich. Die Berner Alpen mit dem markanten Dreigestirn Jungfrau,
Mönch und Eiger im Norden, die Tessiner Alpen hinter dem Simplonpaß
im Osten und im Süden, gleich gegenüber, das Matterhorn (4478m)
und die Monte Rosa mit der Dufourspitze (4634m).
Die wärmende Sonne läßt uns 30 Minuten verweilen und
die gezackte Welt ringsum genießen. Dann rappeln wir uns auf. Zwei
weitere Seilschaften suchen einen Platz für ein Gipfelfoto und wollen
das Gipfelbuch in den Händen halten. Vorsichtig steigen wir über
den Grat zurück ins Eis. Noch liegen viele Höhenmeter Abstieg
vor uns und den Kindern. Bald schon sind wir wieder im Feejoch und blicken
auf den geschlungenen Pfad hoch zum Gipfel und irgendwie denke ich mir:
Manchmal ist der Gipfel doch mehr als der Weg allein. Auch im Alpinismus.
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| Text: Dirk Heinecke, DAV Sektion Jena (E-Mail) | Gestaltung: Ulf Köhler (E-Mail) | Letzte Überarbeitung: 31.12.2004 |