Modernisierung kostet sie die Heimat (14.08.2001)
Bewohnern der Pflegeeinrichtung "St. Theresia" steht Umzug bevor
Schon in naher Zukunft könnte es kein Körperbehindertenheim mehr in Kamenz geben. Grund dafür ist, dass sowohl das Altenpflegeheim "St. Georg" als auch die dazugehörige Pflegeeinrichtung für Körperbehinderte "St. Theresia" nicht mehr der Mindestbauverordnung entsprechen. Demzufolge sind beide Häuser nach heutigen Maßstäben unzureichend ausgestattet.
Von Maria Meister
Das katholische Pfarramt Kamenz als Träger beider Einrichtungen stellte deshalb einen Antrag auf Ersatzneubau für 50 Plätze, der vom Landkreis längst bewilligt ist. Die moderne Anlage soll gleichfalls auf dem Grundstück am Kamenzer Bernhardweg entstehen. Bei diesem Vorhaben steht jedoch das "St.-Theresia-Heim" im Weg, dessen Bestandsschutz dadurch aufgehoben ist. Noch vor Ende des Jahres werden die in Vorbereitung notwendigen Abrissarbeiten beginnen. Damit fängt der eigentliche Ärger für die Bewohner an. Einen Tag nach ihrem Weihetag vor 2 1/2 Jahren erhielten die acht Heimbewohner die Kündigung vom Träger. "Einfach lächerlich und taktlos", schimpft Ulrich Norbert Knak, mit seinem Elektrorollstuhl der wohl bekannteste Verkehrsteilnehmer Kamenz'. Für die Körperbehinderten, die hier seit 1984 zu Hause sind, bricht eine Welt zusammen. "Wir sind nervlich und seelisch total am Boden", spricht Anna-Maria Schneidler aus, was alle empfinden. Auch sie ist auf ihren "Rolli" angewiesen. "Wir werden kommentarlos wegrationalisiert", beschwert sie sich und bezweifelt, dass es die Kamenzer Bürger - wüssten sie von der Sache - stillschweigend hinnehmen würden. "Wir sind anerkannt, uns wird immer geholfen, niemand lässt uns stehen", würdigt sie die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen, die sie bisher erfahren hat. Auch wenn es ihnen auf den Kamenzer Straßen "das Gehirn ganz schön durchschüttelt", wie Frau Schneidler es ausdrückt und Herr Knak durch seine Kinnlenkung selbst bei so genannten abgesenkten Bordsteinen "jedes Mal einen Kinnhaken verpasst bekommt". Weg wollen sie auf keinen Fall! "Wir gehören genauso zu diesem Stadtbild", sind sich Ulrich Knak und Anna-Maria Schneidler sicher. Als Benedikt Ziesch, Dezernent für Jugend und Soziales im Landratsamt Kamenz, diese Bemerkung hört, lächelt er: "Klar, der Wimpel, der Rollstuhl - das ist schon ein Bild für Kamenz!" Er erklärt, dass die Schließung kein Beschluss des Kreistages ist. "Der Gesetzgeber geht davon aus, dass ein Behindertenwohnheim über 30 Plätze haben muss, damit es sich rentiert. Wir haben sehr großes Verständnis dafür, dass diese Menschen hier wohnen bleiben möchten. Wir als Landkreis können jedoch nicht für acht Personen ein neues Wohnheim bauen, da der Bedarf in der Ostregion Sachsens durch die Heime in Dresden und Rothenburg gedeckt ist", bittet er um Verständnis. Rothenburg - bei diesem Namen verziehen die Betroffenen das Gesicht. "Das liegt an der polnischen Grenze im äußersten Zipfel von Sachsen. Dort kommt man gar nicht mehr weg und Besuchen wird noch teurer." Darin sind sich alle einig. Auch Zieschs Worte über die günstige Lage direkt neben einer Spezialklinik für Körperbehinderte, der modernen Anlage und der schönen Gegend helfen ihnen wenig. Für den Träger, die katholische Kirche also, ist es finanziell unmöglich, auf eigene Faust zu bauen. Aus dem Behindertenplan für den Landkreis Kamenz geht hervor, dass man für einen Wohnheimplatz mit Ausgaben bis zu 150 000 DM rechnen muss. Im Falle einer Förderung werden 80 Prozent anteilig von Bund, Freistaat Sachsen und Landkreis übernommen. So bleibt die Frage, warum die acht Personen nicht in das neue Heim integriert werden können. Ziesch antwortet: "Wir haben verschiedene Varianten durchgesprochen, dass man zum Beispiel in diesem Pflegeheim acht Plätze für die noch nicht 65-Jährigen schafft und sie dann sozusagen rüberwachsen ins Altenpflegeheim. Das wäre allerdings nur innerhalb der zugesagten 50 Plätze möglich. Das wiederum lehnt das katholische Pfarramt ab. Von dessen Seite sind 50 Heimplätze für Altenpflege vorgesehen. Es gab Verhandlungen mit dem Ministerium und dem Regierungspräsidium, aber es werden nur 50 Plätze gefördert." Eine scheinbar ausweglose Situation!? Leider war der katholische Pfarrer nicht zu einer Stellungnahme bereit, sondern beschränkte sich auf die Worte, "es sei alles geklärt". "Hoffentlich wird's nicht mal zum Bumerang, dass diejenigen, die uns jetzt rauswerfen, auch einmal eine Bleibe suchen müssen. Niemand ist vor Krankheit gefeit", warnt Anna-Maria Schneidler - aus Erfahrung.
|
|
© Sächsische Zeitung KAMENZ |