Der "vorweggenommene" Tod

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25.10.2003

Heute mittag bekam ich wieder so miese Post, ich versteh das nicht. Dabei war das eigentlich positiv, den mein RA hat auf meine Ex geantwortet, besser auf ihren RA. Und besser, als ich es gekonnt haette. Trotzdem hat es mich getriggert und ich musste mich schneiden, weil es mivch irgendwie angegriffen hat. Ich denke, es liegt daran, dass ich da ein Problem mit habe, so mit diesen Mitteln gegen sie vor zugehen. Aber ich muss, ich muss mich wehren. Lieder. Ich werde mich heute besaufen und dann werde ich auch SVV machen, ich weiss es, es geht nicht ohne. Zumindest habe ichb etwas gegessen, obwohl mir nach Kotzen eher zu Mute war. Ich weiss nicht, irgendwann komme ich auch noch dahin.
Wieso bekommm ich immer zum weekend solche Post? Ies ist zum Kotzen...
Ich moecht mein Auto haben!!! Endlich wieder abhauen koennen, endlich dem Druck ausweichen koennen. Was soll ich denn machen, wenn es wieder soweit ist und garnicht mehr geht?

Der Vertrag. Der Vertrag, schon so lange besteht er, schon solange schleppe ich diese Last mit mir, schon solange weis ich nicht recht, was ich machen soll. Will ich leben? Aber so ein Leben wie bisher, ist das erstrebenswert? Ist das ueberhaupt ein Leben, staendig zwischen irgendwelchen Skills und Therapien hin- und her zupendeln? Es ist zum Kotzen...

Der Vertrag, so lange kaempfe ich damit. Erfuellen oder nicht? Wie kam es ueberhaupt dazu? Es ist so schwer... So lange her... Wieviel Jahre eigentlich?
Ich glaube, mehr als 25 Jahre oder so in der Drehe. Damals...


Der Tag war warm, nicht zu warm. gerade richtig. Irgendwie waren wir in der Clique wieder auf diesem Trip ins Nirgendwo, auf diesem Trip, der uns suggeriert worden war. Von so vielem. Dem Film damals, er hat uns gefesselt, mich besonders. Wie hiess er nochmal, ich glaube: "Stunts". Ja so wollte ich auch sein, so wollte ich werden, das war was, ein Leben an der Spitze. Immer der Tanz auf der Nadelspitze und immer das Gefuehl, das es jeden Augenblick vorbei sein koennte, jeden Augenblick. Aus, vorbei, zu Ende. Was bedeutete uns, was bedeutete mir das schon? Nur ein Menschenleben weniger, mehr doch nicht, nicht mehr...

Wirklich...?

Oh, diese Leute dort waren so gut, sie waren so stark, so mutig. Sie hatten alles in der Hand, in ihrer Hand, sie hatten alles unter Kontrolle, scheinbar. Immer aber war etwas unberechenbares, etwas unheilvolles, drohendes dabei. Etwas, dem man nicht entrinnen konnte. Drohend, unvorhersagbar, unsichtbar zwar aber immer praesent. Es war der Tod. Nur er kann so praesent sein. Ja, diese Leute spielten mit dem Tod, ganz eindeutig. Das war so fazinierend, so fesselnd, so in den Bann ziehend. Unheimlich...

Und wir waren irgendwie, ich war irgendwie auch auf diesem Trip. Auf diesem Trip, dem Tod immer ein Schnippchen schlagen zu wollen, ihn besiegen zu koennen, staerker oder besser zu sein als er. Sieger zu bleiben letztendlich. Ja, so kam mir das vor. Irgendwie so...

Es war ein lauer Sommernachtmittag, als wir aus dem Kino "Theater des Friedens" stroemten. Und wir waren noch wie gebannt in den Film. Ich war wie gefangen. Ja das war es. Und so schlossen wir den Vertrag, dass wir uns jeder gegenseitig aus der Patsche helfen wollten, wenn einer von uns so wie der dort im Film am Apparat enden wuerde. Dann sollte ein anderer kommen und den Apparat ausschalten. Endgueltig das besiegeln, was eh nicht mehr zu aendern waer. Das zuende fuehren, was dies einemal fast geklappt haette. So sollte es sein. Den anderen "ausschalten"...

Irgendwann spaeter war es soweit. Ich weis nicht wann und wie und wo es genau passierte. Aber wir wollten es tuen. Ich wollte es tuen. Ich wolllte es allen beweisen. Ich kann es genauso, wie die dort im Film. Ich war immer vorne weg. Die anderen sagten - ich machte. Die anderen redeten - ich tat...

Wir trafen uns im Hof, wie immer und fingen an zu reden. Was wir als naechsten Stunt machen koennten. Etwas besonderes sollte es schon sein. Wer kam auf die Idee?
Aber alle waren wie berauscht, alle wollten es, keiner konnte mehr zurueck, alle draengten. Was fuer ein Gefuehl, was fuer eine Wonne, so im Mittelpunkt zu stehen...
Ja man tat es. Ja, ich wuerde es tuen. Ich...

Wir legten fest, dann und dann und dort sollte es sein. Noch ein paar Tage, noch ein paar Stunden hatte ich.

Konnte mich vorbereiten...

Vorbereiten - auf was...?

Meine Nerven gespannt wie Drahtseile unter der Hochspannung von tausenden von Tonnen Last...

Ein paar Tage, ein paar Stunden noch...

Wir, ich war noch so jung. Was wusste ich schon vom Leben? Das es mir nur einmal gegeben war. Ja. Und sonst? Ein Tanz auf einem Hochseil, ein staendiger Drahtseilakt, so kam es mir so oft vor. Und ich war der Vortaenzer, ich immer vorne weg. Warum?

Der Tag rueckte naeher und naeher. Drohend, unheilvoll...

Was passiert hier blos mit mir, ich bin voellig aufgeloest...

Es kann mein Ende sein...

Alles aus und vorbei... so schnell... nur einmal vergreifen, einmal loslassen... und dann... Flug... Fall... Sturz..
nur wenige Sekunden... Bruchteile...

Die andere stehen da oben, starr, unfassbar, hilflos... kleiner werdend... so schnell...

Das letzte... diese Gesichter... Gedanken...? So schnell... nur Sekundenbruchteile... dann Aufschlag, ein Aufblitzen... aus, dunkel...

Lass nicht los...! Lass nicht los...! Nein! Ich kann nicht mehr... Nicht...! Nein...!
Die eine Hand rutscht dauernd ab, ab... sie rutscht... Kraft! Ich muss mich halten.. es geht nicht... es ist so rutschig... nein...!!! nein...!! Ich will...!!

Weg...

Fall... Sturz...

Die Gesichter...

Scheisse, wenn das passiert. Was dann? Nur die paar Sekunden, diese Bruchteile noch? Wozu das alles? Wieso ich? Wieso muss ich das machen? Mein Leben! Was bedeutet es?
Man, was renn ich in der Bude hin und her.. Wie eingesperrt, wie ein Tiger... Diese Gedanken...

Danach kann alles vorbei sein! Oder Du bist der Held. Beides ist moeglich. Was ist, wenn? Du stirbst... Was ist das, was ist der Tod? Man, diese Gedanken... Wohin damit, mist...

Unruhe, Hast, hinsetzen, aufstehen, wieder hin setzen. Die Gedanken... Alles kann vorbei sein - so schnell... Aber das wolltest Du doch immer.... Ja... Nein... weis nicht, ICH WEISS ES DOCH NICHT!!!

Man, was tuen? Abblasen? Feigling...
Wieder aufstehen, umherwandern. Dieses scheiss Leben, warum?
Man, die Wohnung istr viel zu klein, die Bude... Umherwandern. Unruhe, Angst... ja ANGST, soviel ANGST....

Was kann passieren? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Ich waer ein Held, so oder so? Oder wie...? Gestorben...

So jung, kaum gelebt, nie geliebt, nie ein Maedchen im Arm gehalten... alles so schnell aus und vorbei... Aber ein Held...

Wie lange... Ob der Tod wohl schnell kommt? Was ist das, tod zu sein?

Kommt noch was danach? Ich weiss es doch nicht!!! Bitte hilf mir einer!!! Keiner da, wie immer. Ich bin immer alleine mit sowas, immer. Aber wo soll ich auch hin? Draussen scheint die Sonne. Alle auf Arbeit... Ich bin allein.. wie immer... Der Tod...

Also nochmal raus, probieren....

Ranhaengen, ist doch ganz leicht... Nein... doch nicht... shit... schwer...
Man...
Noch einmal... Probieren, auf Nummer Sicher gehen...
ran...
abgleiten...
runter...
haengen...
hoch... hoch....! hoch....!!! verdammt...! schwer...
Schwerer als ich dachte...
Nicht gut, garnicht gut, kann also doch schief gehen...
Und dabei waren das hier nur knapp 3 Meter, die uebersteh ich, hoffentlich...
Hoffentlich... und wenn nicht...?
Wer hilft...?
Hilft ueberhaupt wer:..?

Halten sie sich anden Vertrag? Knipst wer mich aus?

Dauernd diese Fragen... so bohrend... was ist, wenn...? Was...bloss...?

Rein in die Bude, huh, merke es noch an den Armen, keine Kraft mehr und dabei war das nur so kurz...

Nur eine Probe...
Nur...

Diese Gesichter...

Wieder laufe ich umher, kann mich nicht beherrschen. Moecht mit irgendwem drueber reden. Ueber das, was kommt, was bevor steht. Was danach passiert, wenn es passiert. Aber niemand da. Wie soll ich mich auch verstaendlich machen? Wer versteht mich schon? So lange nicht mehr mit den Eltern geredet...

Reden...

Wir reden doch eh nie mit einander, so selten... eigentlich, wann? Ich weis es nicht...
Kann ich mich ihnen anvertrauen? Was werden sie sagen? Klar, so ein Bockmist, das machst Du nicht! Schelte, Schimpfe... Gemeckere... Da kann ich also nicht hin... Da hab ich niemanden...
Wohin dann? Ich bin so gefangen, soviele Gedanken, wohin damit?

Und dann solche Themen...! Was ist das, was ist das Leben? Was ist der Tod, was passiert da?

Unruhe, Angst... soviel...

Es kann alles vorbei sein.. in so wenigen Sekunden... Bruchteile nur... die Gesichter...

Die Gesichter...

Das letzte...

Schon ist es vorbei...
Aus...
Fuer immer...

Was kommt danach?

Wer bestimmt eigentlich ueber mein Leben? Ich hab es in der Hand, wahrhaftig... Diesmal, dieses eine Mal...
Und draussen die Sonne, so schoen, so warm, Sommer... wie lange noch... fuer mich? Wie lange...???

Dies eine mal und alles kann vorbei sein, fuer immer...

Man, wenn ich es doch nur hinter mir haette...

Angst, soviel Angst, Unruhe, laufe hin und her... wohin damit? Wohin mit den Gedanken? Leben? Tod?

So schnell...

So eine Unruhe, ich halte es kaum aus, noch soviele Stunden und doch schon gespannt wie...
Moecht es hinter mir haben, moecht wissen, ob ich es schaffe, ob ich es ueberlebe...
Und wenn nicht?

Der Sturz...
Nur so kurz...
Es tut nicht weh...
Du spuerst es kaum...

Die Gesichter...


Ich seh sie vor mir, die ganze Zeit... diese Gesichter... so stumm so starrr, so entsetzlich... unheilvoll, unendlich, letzlich, das letzte, was ich sehe... Gedanken...? Keine... Oder doch..? Welche...?
Woran denkt man, wenn es zu ende geht in ein paar Sekundenbruchteilen? Woran? Man, ich drehe mich im Kreis, werde noch verrueckt, drehe durch, diese Gedanken...! Was passiert hier mit mir..? Was...?

Der Sturz...
Nur so kurz...
So kurz...
Kurz...
Es tut nicht weh...


Keine Angst.. Angst??? Man... Ich habe eine scheiss Angst!!! Vor dem Tod, vor dem Tag, vor dem Stunt, vor allem!!! Warum ich? Warum muss ich immer an der Spitze stehen?

Scheisse...

Wohin bloss mit den Gedanken? Wer bestimmt, was passiert? Angst...


Und dann dieser Tag, DER Tag...


Ran und runter... haengen... geht nicht...

Man, B*****, scheiss Seil, zwaengt mich ein, scheiss, Du haengst mit dran, scheisse, ist schwer, ganz schwer, scheisse, Idiot, scheiss Seil, lasss los Du Idiot, kann mich kaum halten... runter... haengen... scheiss Seil... wenn das jetzt einer sieht, biste geliefert... haengen... man, zerr doch nicht so am Seil, was ist?... Scheiss Seil... muss gegen den B***** ankaempfen... die Haende, Halt... festhalten... hochziehen.. man das Seil, Idiot, B*****... schnuerrt mich ein, raubt mir die Kraft... Halten, hochziehen... hoch... hoch... Man, Kraft, kann kaum... Halten... ziehen... hoch.... nur hoch...  letzte Kraft...   Du haengst mit drann B*****...  Idiot... es haett vorbei sein koennen, weist Du das? Idiot...!!!!

Schnauze voll, runter und weg von diesem Dach... Man, B***** Du haettst mich bald ebend umgebracht...



Wohin mit den Gedanken? Wer bestimmt ueber mein Leben? Ich hatte es in meinen Haenden... Ich haett nur loslassen muessen. Ich haett loslassen koennen. Haett ich es mal tuen sollen? Ich weis es nicht... Ich weis bis heute nur dies: Es war der Tag, es war wie ein Trauma.
Ich hatte mein Leben in meinen eigenen Haenden und vielleicht haett ich ganz bewusst losgelassen, die Chancen standen 50:50. Ich hatte niemanden vorher, dem ich mich anvertrauen konnnte.
Und jetzt? Wem vertraue ich? ich traue nicht mal mir selbst. Ich fuehl mich immer noch, als wenn ich an der Dachkante haenge, als wenn ich in dem Zimmer in der Klinik, irgendwie wie seltsam eingesperrt, am Fenster stehe und raus schaue. Es ist komisch, es sit dasselbe fuer mich, die Dachkante und das Zimmer in der Klinik. Wie jemand, der nicht begreifen kann, dass das alles mit ihm, ihm passiert ist. Immernoch passiert. Es ist so komisch. Ein merkwuerdiges, verunsicherndes Gefuehl...
Leben? Was bedeutet es mir? Nach dieser Action schloss ich den Vertrag. Wenn ich jemals so alt werden sollte, wie ich es jetzt bin, dann habe ich echt Glueck gehabt. Echt. Und nur ich entscheide, wann es vorbei ist mit mir. Ich. Und ich werde, muss mich selbst richten, bevor es andere tuen. Dann tu ich es lieber selber...
Allein mit den Gedanken, Soviele Jahre schon. Jahrzehnte. Ich weis nicht wie ioch damit umgehen soll, echt. Es ist so schlimm.

Haett ich doch bloss losgelassen, damals. Aber der B***** hing ja mit drann, an dem scheiss Seil...

Ich war noch so jung, damals! Was soll ich nur tun...? Ich weis es doch nicht, kann damit nicht umgehen, habe keinen, an den ich mich wenden kann...

DIESE GESICHTER...


Dieser Ausschnitt aus meinem elektronischem Tagebuch ist wie immer real, weitgehend so wiedergegeben, wie er getippt wurde von mir. Er entspringt einer tatsächlichen Tat, einem schrecklichem Geschehen. Etwas, womit ich bis heute nicht richtig umgehen kann...

Rückwirkend betrachtet, muss ich sagen: Selbst dieser Text kann nicht annähernd das wiedergeben, wie ich mich fühlte, damals. Er umschreibt, geht auf das Geschehen ein, ohne doch die ganze Tragweite erfassen zu können. Wie kann das auch ein einfacher Text, heraus gerissen aus einem Tagebuch? Wie kann er wiedergeben, wie ich mich angesichts der Tatsachen immer noch fühle, empfinde? Was dieses Geschehen damals wirklich für mich bedeutete. Und wie prägend es für mein weiteres Leben es war. So unheimlich tief hat sich dies Geschehen in mir eingegraben, so wahnsinnig tief traf es mich, unvorbereitet...

Ich glaube heute, in den Tagen damals ist wirklich jemand gestorben, hat innerlich seinen Tod vorweg erlebt. Und kommt seit dem nicht mehr davon los, dies nun wirklich auch mit dem Körper vollziehen zu müssen, es zu Ende bringen zu müssen. Weil er schon gestorben ist, schon vor so langer Zeit. Und dieser eine bin ich...

Die Gedanken in mir kreisen so oft um dieses Thema... Leben, Sterben, Tod. Immer wieder. So viele Gedanken, Gefühle und Fragen waren damals in mir. Gedanken und Empfindungen, die ich an niemanden richten konnte, weil niemand da war, mit dem ich reden konnte. Auch jetzt nicht, auch jetzt fühle ich mich damit sehr allein gelassen. Niemand da, niemals...

Der Ausschnitt ist so wiedergegeben, wie er verfasst ist, samt aller Rechtschreibefehler, man möge mir verzeihen.

© 10/2003 Hannes Lau Anarcho