Du fragst mich, wie es mir geht?
Gestern noch war ich abend's blau, heut merk ich, wie der Körper den
Rest vom Alkohol "verbrennt". Übelkeit ein wenig, flau ist's
im Magen. Der Kopf wabbert hin- und her, kann keine klaren Gedanken fassen. Ich
fühl mich schlapp, geschafft und müde. Die Laune ist mies. War wohl doch
etwas viel, gestern.
Katerstimmung halt... Und Du fragst, wie's mir geht...?
Du fragst mich, wie es mir geht?
Ich habe Probleme, raus zu gehen, an die Luft oder in die Stadt, in die Läden.
Weil ich mich so nicht mehr zeigen mag, ein verschandelter Körper, der mich
da trägt. Schnitte und Narben, wohin ich nur schau. Neue, alte, soviele.
Schäm mich dafür und schäm mich zugleich doch nicht, ist's doch
auch ein Stück von mir. Aber anschauen soll mich lieber keiner, sieht nicht gut
aus. Nicht wirklich erstrebenswert. Und dann schäm ich mich doch ein wenig.
Und trau mich kaum noch irgendwo hin. Trau mich nicht, den Hörer abzuheben, wenn
das Telefon läutet. Habe kaum Kontakte mehr. Ruf nicht mehr an, wenn es nicht
unbedingt sein muss. Aber wann muss das schon mal sein. Und draussen? Nur
das nötigste wird möglichst schnell erledigt. Mehr nicht.
Und kann es doch nicht verhindern, will es nicht verhindern. Das Verletzen, das
Schneiden. Es ist so befreiend, so bestrafend, so erniedrigend, so erlösend.
Nur etwas Gewalt und Macht über den Körper zu spüren, etwas
den Körper, den Schmerz und das eigene Leiden spüren. Zu spüren,
dass da noch was ist, was sich regt.
Etwas, was lebt. Wo sonst nicht's ist, ich doch sonst schon tod bin, mir so sehr
gestorben vorkomm... Und Du fragst, wie's mir geht...?
Du fragst mich, wie es mir geht?
Ach dieser Körper, ich möcht ihn loswerden. Er macht nicht was er
soll. Er hält sich nicht drann. Er will essen, obwohl ich es nicht will.
Er will sein Gewicht, wo ich ihn doch mit Abnehmen quälen möcht.
Er stemmt sich dagegen, wo er kann. Leitet mich zu all den leckren Sachen hin
und... isst. Und erniedrigt, verletzt mich damit sehr. Ich fühle, wie ich
verliere dabei. Gegen ihn, gegen mich. Ich hasse es so sehr, ich hasse diesen
Körper so sehr.
Er will kämpfen, wo ich doch schon aufgegeben hab. Er lässt mich mein
Leiden, mein Empfinden, mein Leben so selten spüren. Er will
kämpfen, wofür? Ich will nicht kämpfen, nicht mehr.
Er wird alt und gebrechlich. So viele Stellen schon, wo es weh tut. Beim Liegen,
beim Laufen, beim Sitzen. Er war schon in besserer Verfassung, der Körper,
er wird alt. Und das kann ich nicht leiden an ihm. Wieso wird er alt? Ich werde
es doch nicht! Fühl mich so jung und nie erwachsen.
Ach, wieso bin ich nur so sehr getrennt von ihm, von diesem Körper, warum hasse
ich ihn nur so? Wieso muss ich ihn quälen, ihn schneiden, um ihn zu spüren?
Wieso habe ich ihn trotzdem nicht unter Kontrolle? Ich möchte ihn
loswerden irgendwie, austauschen... Und Du fragst, wie's mir geht...?
Du fragst mich, wie es mir geht?
Ich möcht sogern wieder einmal Freude spüren, fühlen können da
draussen im Leben. Doch das geht nicht, fühl mich missttrauisch beobachtet
von allen um mich rum. Darf am Leben da draussen nicht mit teilnehmen, darf nur
in der Ecke stehen und warten, dass die Zeit vergeht. Darf nicht teilnehmen,
alles verboten!
Und fühl mich durchleuchtet und durchschaut zugleich. Neid, Hass und Missgunst
um mich herum. Menschen, die vorgeben freundlich zu sein und eigentlich nur eins im
Sinn haben: Mir zu schaden, ja so kommt mir das vor. So oft. So sehr
ausgegrenzt fühl ich mich von allen, von den Menschen rings um mich, von
der Gesellschaft, von der Welt. Von mir. Vom Leben.
Fühl mich als Verlierer, als ein Aussenseiter. Als der letzte Dreck, der sich
es nicht erlaubt, einfach und endlich still und heimlich sich davon zu schleichen.
Der rummeckert und mosert. Der sich sogar manchmal noch wehrt, wo es nichts mehr
zu erwehren, zu verteidigen gibt.
Fühl mich wie jemand, dem man abzocken, ausnutzen kann, wo es nur geht. Und den
man dann wegschubst, ausgrenzt und verstösst, mit Dreck bewirft. Das Letzte, ein
Verlierer halt... Und Du fragst, wie's mir geht...?
Du fragst mich, wie es mir geht?
Möcht so gern vertrauen können, doch ich trau nicht mal mir selbst. Trau mir
nicht über den Weg, trau den Menschen da draussen nicht. Weiss nicht wirklich,
was ich will und wer ich bin. Habe keine gute Meinung von mir, hasse mich abgrundtief.
Ich akzeptiere mich nicht, wie ich bin.
Ich beobachte mich misstrauisch. Ob ich jetzt ehrlich bin oder verlogen, wer weis
das schon. Ich selbst weis es nicht einmal, so oft. Keine Ahnung, was in einer
Minute mit mir passiert, was ich von mir geben werde. So oft bin ich nur
beleidigend, verletzend zu dem Gegenüber und merk es nicht einmal.
Ich beobachte die Menschen misstrauisch. Was sagen sie mir, was wollen sie von mir.
Ich kann mit Dank nicht umgehen, kann Lob nicht annehmen. Ich kann Nettigkeiten
nicht ertragen, werd übervorsichtig, wenn Menschen mir sagen, dass sie
mich mögen. Zieh mich zurück und verstosse sie nur alle, die mir gutes
wollen. Stosse sie vor dem Kopf, behandele sie schlecht, manipuliere sie. Werde
ekelig, stänkerisch und aufdringlich.
Ich brauche Nähe und doch kann ich Nähe nicht wirklich aushalten. Fühl
mich dann unwohl, unfrei und bedrängt. Meiner Zeit und meines Platzes
beraubt, ausgenutzt. Und habe doch auch Angst vor dem Verlust der Nähe
und gleichzeitig Angst vor dem Zuviel an Nähe. Ich möcht und kann
nicht loslassen und schubse, verstosse doch die Menschen, die mir was bedeuten.
Was bedeuteten, den irgendwann gehen sie alle. Und ich fühl mich mies dabei.
Ich brauche Abstand, Nähe und Distanz und weis doch nicht, wieviel wirklich
gut ist, was ich zulassen kann. Will lieber allein sein und kann doch
das Alleinsein nicht aushalten... Und Du fragst, wie's mir geht...?
Du fragst mich, wie es mir geht?
Ach diese Menschen und ihr Verstand, ihre Seele. Ich komm damit nicht klar. Was
machen sie nur?
Können sie nicht einmal nur JA oder einmal
nur NEIN sagen? Immer schwingt da
ein VIELLEICHT mit rein, immer so eine
Unsicherheit. Soviel Unwägbarkeiten, soviel was bedacht und kontrolliert
werden muss. Und was nicht kontrolliert werden kann, sovieles entzieht sich diesem
Zwang in mir zur Kontrolle. Soviel Grauzonen, nichts was klar reduziert ist auf
ein einfaches nur
SCHWARZ
oder nur
WEISS .
Wie können die Menschen da drausen damit leben? Wie halten sie das aus, machen
sie sich keine Gedanken? Hinterfragen sie nicht alles? Ich versteh es nicht, kann
damit nicht wirklich umgehen. Fühl mich verdammt unsicher und nicht verstanden.
Ich will doch nur Klarheit und eindeutige Strukturen. Und Antworten.
Ich hätt am liebsten nur Schwarz oder Weiss, nur ja oder nein, nur 1 oder 0.
Keine Zwischentöne, die so oft missverstanden, so missgedeutet werden können.
Keine Grauzonen, nur klare, eindeutige Antworten. Keine Zwischentöne und
Zweideutungen.
Warum können sie sich nicht festlegen, müssen sie sich immer so von
ihren komischen Gefühlen verleiten lassen? So oft kann ich sie nicht
verstehen, ihre Gefühle, ihre innere Logik, ihre Seele. Alles bleibt mir so
verschlossen und unglaublich fremd und fern... Und Du fragst, wie's mir geht...?
Du fragst mich, wie es mir geht?
Ich weis nicht was ich will. Noch was ich nicht will. Ich fühl mich
so zerrissen. Gespalten in mir selbst. Fühl mich so hin- und her gerissen.
Zwischen Wollen und nicht Wollen. Zwischen Sein und nicht Sein. Zwischen
Leben und Tod, sterben wollen oder doch weiter leben wollen. Leben können?
Ich weis es doch nicht.
Weis nicht, was dies Leben mir wirklich bedeutet, womit ich es füllen kann.
Ohne vor mir selbst versagt zu haben. Und fühl mich doch schon jetzt
als Versager am eigenen Leben. Weil ich mir nichts bedeute, weil mir das Leben
nichts mehr bedeutet. Ich mir selbst nichts Wert bin. Kein Selbstwertgefühl,
keine eigene Identität. Muss mich jeden Tag neu bestätigen, muss mich
jeden Tag in Frage stellen und die Bestätigung immer neu erarbeiten.
Nichts, was dauerhaft bleibt, am nächsten Tag geht es auf's neue von
vorn los.
Und das eigene, kleine scheiss Leben ist eine einzige, andauernde Qual nur noch.
Jeder Tag ein neuer Kampf, wofür? Warum?
Und doch habe ich Probleme, zu gehen. So als wenn ich sterben will und doch nicht
sterben kann. Als wenn ich weiter beobachten will, wie der Körper stirbt,
was passiert. Der Körper vergeht, aber die Seele findet keine Ruhe.
Weis nicht wirklich, wohin mich diese Beine noch
tragen werden, was ich mir noch gönnen oder zumuten will. Ich weis nicht,
wer ich bin und was ich hier auf der Erde soll. Habe keine Werte,
die es wert sind, dass man für sie kämpft. Habe kein Selbstbild, dass
es Wert ist, verteidigt zu werden. Keine Werte, die nicht von aussen, von
anderen überstimmt oder verbogen, verdreht und ersetzt werden können.
Nichts, was mich wirklich hält, mich wertvoll macht.
Ich habe keine Heimat mehr, kein Land, dem ich das Recht auf meine Heimat zusprechen
würde. Fühle mich hier nicht wohl, in diesem Land. Wie ein Aussätziger.
Ein dauernder Asylant, auf der Durchreise nach Nirgendwo.
Bin entwurzelt, schon so lang. Spüre keinen Halt, hier und jetzt. Weis nicht,
wo ich hin gehör... Und Du fragst, wie's mir geht...?
Du fragst mich, wie es mir geht?
Ich habe keine Interessen mehr an den Frauen, sie sind mir ein Graus. Liebe und
Zuneigung kenn ich nicht mehr, werde es wohl nie mehr spüren können.
Fühl mich fehl am Platz in Gegenwart anderer, hübscher Frauen.
Gedemütigt und verstossen. Allein gelassen, verloren, soviel Ängste
vor den Frauen in mir, unausgesprochen. Körperliche Zuwendungen
ausgeschlossen, verboten. In einem Käfig eingesperrt.
Ich weis nicht einmal mehr, wie es war ein Mädchen in den Händen halten
zu dürfen, umarmen zu dürfen. Ich fühl mich schlecht dabei, wenn ich
nur daran denke, wie ich beleidigt und verletzt wurde. Wie ich es wagte, den Kopf
aus diesem Käfig steckte und wieder so tief zurück gestossen wurde. Von
ihnen, von den Frauen. Von denen, die mir einmal etwas bedeuteten.
Misstrauen regiert nun in mir, wenn ich es mit den Frauen zu tun bekomme und Angst
vor Nähe und Verletzungen.
Und doch bin ich selbst auch so schlecht, beleidigend und verletzend. Habe ich sie
manipuliert und verbogen, so lange. Ich bin nicht besser... Und Du fragst,
wie's mir geht...?
Du fragst mich, wie es mir geht?
Ich kann, möcht mich nicht gut fühlen, stehe lieber in der dunklen,
kalten Ecke und lass mich mit Dreck, Schmutz bewerfen. Ich, der schlimmste Mensch,
den ich kenne.
Komme da nicht raus, weil da draussen das Chaos und die Unsicherheit regiert.
Etwas, was ich nicht aushalten kann, was ich nicht mag. Mag es lieber klar und
geregelt. Zuviel an Chaos und Zerrissenheit, was schon in mir selber herrscht.
Diese Menschen, sie sind laut und plappern durcheinander, das einzigste Chaos
da draussen.
Ich kann nicht noch mehr Chaos um mich rum gebrauchen und doch regiert da draussen
genau dies Chaos. Fühl mich unsicher in dieser Welt. Ich fühl mich
nichts Wert. Ich lass mich doch lieber beleidigen, verletzen und mit Schmutz
und Dreck bewerfen. Denn das kenn ich, das bin ich.
Es ist nicht schön in dieser
Ecke, sehr einsam und kalt. Aber es ist die einzigste Ecke, die mir etwas
Sicherheit und einen winzig kleinen Halt verspricht. Die einzigste Ecke, die ich kenne,
auch wenn sie weh tut. Auch wenn diese Ecke mir nicht gut tut... Und Du
fragst, wie's mir geht...?
Man, es geht mir so sau beschissen und Du
fragst noch nach...
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Menschliche Logik
Dieses Bild entstand schon vor einiger Zeit. Es spricht eines der
zentralen Themen dieses Textes an.
Im Original ist das Bild gemalt mit Wasserfarben auf Papier der Grösse A5.
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