Cutting

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Der Stahl hob langsam die Haut an, zog sie etwas in die Höhe. Dann packte die Zange mit voller Kraft zu. Ein kurzer, ziepender Schmerz. Ein paar Haare wurden eingeklemmt, abgeschnitten, vielleicht auch ausgerissen. Wieder zog die Zange an der Haut, zog und zerrte sie in die Höhe, alles dehnte sich. Kein Schmerz - nichts. Fester und fester packte die Zange zu, sie schnitt und zerrte etwas Haut ab - langsam, drehend, windend. Wieder war ein leichter Schmerz da - viel zu wenig für die Wunde, die zurück blieb. Ein Graben in der Haut, der sich langsam mit Blut füllte. Kein Schmerz - nichts. Der dauernde, leicht brennende Schmerz würde sich erst später einstellen und den Körper und die Seele an die Wunde erinnern. Für einen Augenblick aber waren die seelischen Qualen überdeckt von einem ganz eigenartigen, alles überdeckenden Gefühl.
Schmerz kann so viel ausmachen.

Der Cutter dachte an seine Klingen, dieses Gefühl, gab sich ihm hin. Ein Gefühl aus Angst, Schmerz, Ekel und Hilflosigkeit und... Verlangen, Befriedigung.
Verlangen nach Ablenkung von den seelischen Leiden. Ein Gefühl einer ganz eigenartigen Befriedigung. Der Cutter war gefangen, wie magisch angezogen. Da waren die Klingen, da war das Ziel. Der Cutter holte die Zange mit den Klingen hervor. Er spielte mit den Klingen, strich über sie - fast zärtlich. Der Stahl blitzte auf - scharf und unerbittlich. Dann lies er die Zange zupacken...

Blut floss...

Keine Tränen - Blut...

Endlich wieder weinen können, kein Blut mehr, bitte...


Für Interessierte und Betroffene hier ein Link zum Vertiefen der Informationen über SVV (Selbstverletzendes Verhalten).


Blut

Cutting
Dieses Bild aus Wasserfarben auf Karton, übrigens das erste derart gemalte Bild von mir nach jahrelanger Pause im Malen, entstand etwa zum gleichen Zeitpunkt, als dieser Text entstand. Da es auf einem A3 Bogen gezeichnet wurde, passt es in keinen handelsüblichen Scanner und musste zunächst auf A4 verkleinert werden.
Zugleich war dieses Bild der Auslöser für meine damalige Ärztin aus der psychatrischen Klinik mit mir über Selbstverletzungen zu reden. Das Bild war ein Wink, ein Hinweis für sie. Ich hätte von mir aus nicht ein Gespräch darüber beginnen können.
Wasserfarben auf Karton, im Originalbild hat es die Grösse A3.

© 05 + 09/2003 Hannes Lau Anarcho