Update + + Der spektakuläre Spionage-Skandal in der Formel 1
spitzt sich weiter zu. Inzwischen ermittelt in dem ominösen Fall um
geheime Ferrari-Dokumente sogar die Staatsanwaltschaft Modena gegen
McLaren-Teamchef Ron Dennis.
Neben Dennis sind auch fünf weitere Mitglieder des britischen
Rennstalls und der frühere Ferrari-Werkstattchef Nigel Stepney im
Visier. Vor der Qualifikation zum Großen Preis von Italien in Monza
hatten Zivilbeamte am Samstag im Fahrerlager Ermittlungsbescheide
an Dennis und zwei weitere Teamvertreter übergeben.
Verhandlung vor dem Weltrat
Unabhängig von der drohenden Anklage vor einem ordentlichen Gericht
müssen sich die McLaren-Verantwortlichen am Donnerstag vor dem
Motorsport-Weltrat des Internationalen Automobil-Verbandes FIA zu
den Vorwürfen äußern. Die ebenso dubiose wie delikate
Spionage-Affäre enthält so viel Sprengstoff, dass die Formel 1 bei
einer "Explosion" enormen, auf Jahre nicht behebbaren Schaden
erleiden könnte. Sponsoren könnten sich angesichts der negativen
Schlagzeilen zurückziehen, Rennställe in ihrer Existenz bedroht
sein sowie zu Recht oder Unrecht Beschuldigte ihren Job
verlieren.
"Das ist eine ganz, ganz üble Geschichte", urteilte Fiat- und
Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo. "Es ist generell eine
schwierige Phase für die Formel 1." Wie "La Gazzetta dello Sport"
(9.9.) berichtet, soll Grand-Prix-Guru Bernie Ecclestone zu di
Montezemolo gesagt haben: "Was derzeit in der Formel 1 passiert,
ist wie eine Orgie, in der sich einer auf den anderen stürzt."
Gegenüber dem Sender "Premiere" hatte der Brite erklärt: "Ich habe
keine Meinung dazu. Ich darf das auch gar nicht, weil ich Mitglied
des Weltrats bin. Warten wir ab, was dieser entscheidet."
Störung des sportlichen Wettstreits
McLaren-Mercedes bestätigte am Sonntag vor dem Rennen in einer
kurzen Presseerklärung den Erhalt der Ermittlungsunterlagen,
kritisierte aber die Art und Weise "dieses völlig unnötigen
Kontaktes". Das Team vermute stark, dass damit so kurz vor Beginn
des Qualifyings die Vorbereitung auf dieses Training und auf die
Anhörung vor dem Motorsport-Weltrat gestört werden sollte. McLaren
sei zuversichtlich, dass es sich völlig entlasten könnte, sofern es
je zu einem Verfahren kommen sollte.
"Wir kooperieren, um eine Lösung zu finden", hatte Dennis am
Samstag im Hinblick auf die Verhandlung in Paris vor dem 26
Mitglieder zählenden Weltrat angekündigt. "Wir werden alles tun, um
unser Team zu verteidigen." Sollte es zu einem Schulspruch kommen,
drohen McLaren-Mercedes im schlimmsten Fall ein WM-Ausschluss für
zwei Jahre und eine saftige Geldstrafe. Bei der ersten Verhandlung
am 26. Juli hatte das FIA-Gremium McLaren-Mercedes mangels Beweisen
freigesprochen.
Keine Konsequenzen für die Fahrer
Die beiden Piloten Fernando Alonso und Lewis Hamilton dürften
ungeschoren davonkommen, da ihnen die FIA für den Fall
vollständiger Kooperation Straffreiheit zugesagt hat. Der
zweimalige spanische Weltmeister hat bereits eingeräumt, gewisse
Informationen erhalten zu haben. "Ich habe dies der FIA aus
moralischen Gründen und aus Angst vor Lizenzentzug mitgeteilt",
erklärte Alonso. Er habe damit nicht seinem Team schaden
wollen.
Staatsanwalt Giuseppe Tibis wirft den Betroffenen Sportbetrug, die
Weitergabe von Betriebsgeheimnissen, Unterschlagung und die
illegale Kopie von Daten vor. Dennis und zwei McLaren-Angestellte
erhielten die entsprechenden Unterlagen der Behörde in Monza. Die
anderen sollen die Papiere in den nächsten Tagen erhalten, um sich
dazu äußern zu können. Bei McLaren sind neben Dennis
Geschäftsführer Martin Whitmarsh, Generaldirektor Jonathan Neale,
Paddy Lowe, der Leiter des Ingenieurbüros, Rob Taylor, der Chef der
Designerabteilung, und der längst freigestellte ehemalige Leiter
des Designerbüros Mike Coughlan betroffen.
Gegen Mercedes-Angehörige liegt nichts vor. "Wir sind ein Team und
arbeiten seit zwölf Jahren zusammen", stellte
Mercedes-Motorsportchef Haug klar, dass der schwäbische
Automobilkonzern zu seinem Partner stehe. Leider könne das Team die
es entlastenden Fakten nicht vor der Anhörung vorlegen. "Wer nichts
falsch gemacht hat, hat kein schlechtes Gewissen. Ich schlafe so
ruhig wie nie. Das Team hat sich nichts angeeignet, was nicht
erlaubt ist", sagte er.