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30. Juli 2001

Geplanter Aussichtsturm "Georch" in der Saarner Aue

 

Ornithologisches Kurzgutachten zur Einschätzung der Störungswirkung

 

im Auftrag der Stadt Mülheim an der Ruhr, Referat V.1

Dipl.-Biol. Holger Sonnenburg

Am Solling 100

37671 Höxter

 

Höxter, 30. Juli 2001

  1. Problemstellung
  2. Die Stadt Mülheim plant die Errichtung eines Aussichtsturmes von ca. 16 m Höhe und 4 x 4 m Grundfläche südlich des Sportplatzes an der Mintarder Straße. Die nordöstlich angrenzenden Bereiche zwischen Auenweg und Ruhr, beiderseits des Kahlenbergweges, sind bei extensiver bis fehlender Nutzung durch eine besondere Landschaftsvielfalt, fehlende Bebauung, dynamische Auenstrukturen und somit durch große Naturnähe gekennzeichnet. Bei einer Untersuchung zu gefährdeten Brutvogelarten im Außenbereich der Stadt Mülheim wurde dem Auenabschnitt zwischen Stadtgrenze Essen-Kettwig und Mülheim-Innenstadt in der Gesamtbewertung eine sehr hohe Bedeutung zugesprochen (Sonnenburg 1998). Dieser Tatsache wurde zunächst unter anderem durch eine Ausweisung eines Teilbereiches (Tongrube Rotkamp) als Naturschutzgebiet, und neuerlich durch eine großflächige Ausweisung der Aue als FFH-Gebiet Rechnung getragen. Eine besondere naturkundliche Attraktion ist dabei die Graureiher-Kolonie im NSG Tongrube Rotkamp in unmittelbarer Nähe des geplanten Turmes. Es handelt sich dabei um die einzige Brutkolonie der Art im Mülheimer Stadtgebiet. Vor dem Hintergrund dieser hohen naturkundlichen Bedeutung der Saarner Ruhraue sollen mögliche Störwirkungen des geplanten Aussichtsturmes auf die Vogelwelt abgeschätzt werden.

  3. Ausgangsbedingungen / bisherige Störungen / Unruhequellen
  4. Sport- und Großveranstaltungen an der Mintarder Straße

    Der Bereich zwischen Mintarder Straße und Auenweg ist seit langem durch intensiven Sport- und Freizeitbetrieb gekennzeichnet. Neben zwei Sportplätzen befindet sich hier auch eine geschotterte / asphaltierte Freifläche, die regelmäßig als Kirmes- und Zirkusplatz und für andere, z. T. lärmintensive Großveranstaltungen genutzt wird. Dieser Bereich ist insgesamt durch einen naturfernen Charakter gekennzeichnet und für den Naturschutz bedeutungslos.

    Erholungsverkehr in der Aue

    Der hier zu betrachtende Bereich wird südwestlich vom Auenweg, südlich von der Mintarder Straße und nördlich vom Leinpfad begrenzt. Als Verbindungsweg läuft der Kahlenbergweg quer durch die Aue. Die genannten Wege gehören zu den am stärksten durch Naherholungsuchende (Fußgänger, Inline-Skater und Radfahrer) frequentierten Wegen im Mülheimer Außenbereich. Der Mühlenbach westlich des Kahlenbergweges ist an den Ufern frei zugänglich und wird beangelt.

    Eine Gehölzreihe (dichte, hohe Sträucher und Bäume) trennt den oben beschriebenen intensiv genutzten Bereich von dem naturnahen Bereich ab. Möglicherweise vorhandene Störeinflüsse vom Sportplatz-/Kirmesplatzbereich auf die Lebensgemeinschaften der Aue sind derzeit somit eher akustisch als visuell bedingt.

  5. Theoretische Vorüberlegung
  6. Charakterisierung der zu erwartenden "Störung"

    Die Attraktionswirkung des Turmes wird sich vermutlich in hohen Besucherzahlen niederschlagen. Diese dürften jedoch in keinem Verhältnis zu den bei Großveranstaltungen auf dem Kirmesplatz üblichen großen Menschenansammlungen stehen. Auf die angrenzenden Auenbereiche hat der Menschenandrang nur geringe Auswirkungen. Angelockte Besucherströme werden sich aufgrund der vorbildlichen Besucherlenkung (insbesondere Einfriedung der Tongrube Rotkamp und des Mühlenbachbereichs) ohnehin auf die vorhandenen Wege konzentrieren und können das Schutzgebiet nicht ohne weiteres betreten. Zudem sind alle in diesem Bereich der Aue nistenden Vögel an eine sehr starke menschliche Präsenz auf dem Kirmesplatz und auf den Wegen gewohnt.

    Ich gehe bei den folgenden Betrachtungen deshalb davon aus, daß nicht der den Turm nutzende Mensch, sondern der Turm an sich aufgrund seiner Eigenart als aufragender Fremdkörper in der Landschaft als potentieller Störfaktor für Vögel anzusehen ist.

    Wie wirkt ein Turm auf Vogelarten oder Ökotypen ?

    Da Mitteleuropa von Natur aus durch mehr oder weniger bewaldete, zumindest aber gehölzreiche Landschaften geprägt war und ist, besitzt die Mehrzahl der heimischen Vogelarten eine Beziehung zu Bäumen. Dementsprechend sind für die meisten baum- und strauchbrütenden oder -nutzenden Vögel steil aufragende Silhouetten natürlicher Bestandteil ihrer Umwelt, da Bäume – besonders exponiert stehende – eine ebensolche Eigenschaft haben. Das gilt auch für den (in der Saarner Aue präsenten) Eisvogel, der im Schatten hochaufragender Baumgestalten jagt, deren Äste und Zweige als Ansitz nutzt und in mitunter hohen Steilwänden unterhalb von hochaufragenden Bäumen brütet.

    Vogelarten der großräumig offenen, baumfreien Landschaft, also Flachküsten-, Steppen-, Tundren- oder Moorbewohner, oder Arten von mehr oder gehölzfreien offenen Kulturlandschaften (baumfreie Feuchtwiesen-, Ackerlandschaften) können hoch aufragende Silhouetten als nicht natürlichen Bestandteil ihrer Umwelt und somit als bedrohlichen Fremdkörper ansehen. Das gilt z.B. für Brutvögel wie Großer Brachvogel, Uferschnepfe, Kiebitz und für Gastvögel wie nordische Gänse, bestimmte Watvögel und Meeresenten. In der Saarner Aue ist nur mit sehr wenigen dieser genannten Arten zu rechnen, und wenn überhaupt, dann nur auf den offenen Grünlandflächen zwischen Mühlenbach und Leinpfad. Diese Flächen liegen aber bereits in einer Entfernung zum geplanten Turm, die eine störende Wirkung durch die Silhouette sehr unwahrscheinlich macht.

    Steht ein solcher Turm frei inmitten einer offenen Landschaft (wie es vergleichbar auch für Windkraftanlagen zutrifft), ist seine störende Wirkung auf die Avifauna ungleich größer, als wenn er (wie im vorliegenden Fall) eine teilweise Deckung durch höher aufragende Bäume etc. aufweist.

  7. Brutvögel im Einflußbereich des Turmes
  8. Bebauter / versiegelter Bereich

    Im Sport- und Kirmesplatzbereich läßt die derzeitige intensive Nutzung und der Mangel an geeigneten Niststrukturen keine Brutvorkommen gefährdeter oder aus Naturschutzsicht bemerkenswerter Vogelarten zu. Potentiell geeignet wäre die Fläche allenfalls für die Haubenlerche. Dieser Bodenbrüter hat 1980 möglicherweise am Kirmesplatz gebrütet. Im Zuge des allgemeinen und überregionalen Bestandsrückganges ist die Art heute aus Mülheim verschwunden. In Anbetracht des negativen Bestandstrends ist mit einer Wiederansiedlung an dieser Stelle nicht zu rechnen. Die Art gilt in Nordrhein-Westfalen mittlerweile als vom Aussterben bedroht (GRO & WOG 1997).

    Auenbereich

    Von den bei Sonnenburg (1998) für den südlichen Mülheimer Ruhrauenabschnitt angegebenen 24 Brutvogelarten der Roten Liste Nordrhein-Westfalen (GRO & WOG 1997) sind für den hier zu betrachtenden Bereich (Tongrube Rotkamp / Mühlenbach im Bereich Mintarder Straße) bekannt bzw. zu erwarten (siehe Tab. 1): Wasserralle, Eisvogel und Teichrohrsänger, ferner Graureiher, der jedoch nicht als gefährdet gilt.

    Aufgrund der abschirmenden Wirkung des Weidenbestandes in der Tongrube Rotkamp gehe ich davon aus, daß Vögel im zentralen bzw. östlichen Teil der Tongrube Rotkamp (zu nennen sind hier Wasserralle und Teichrohrsänger) von der Silhouettenwirkung des Turmes unbeeinflußt bleiben. In Anbetracht der den Kahlenbergweg begleitenden Gehölze und der immer höher aufwachsenden Ufergehölze am Mühlenbachufer verliert sich die Silhouette des Turmes auch aus der Perspektive der am Mühlenbach ansässigen Brut- und Rastvögel (relevant: Eisvogel, Teichrohrsänger). Die wenigen hier zu berücksichtigen gefährdeten Bewohner des Schilf- und Uferbereichs dürften demnach den Turm nicht als Beeinträchtigung empfinden, zumal sie in beachtlicher Entfernung vom geplanten Turm nisten. Das gleiche gilt für die auf dem Mühlenbach am Kahlenbergweg anwesenden Wasservögel, die ohnehin ein geringes Fluchtpotential aufweisen, da sie sich an die vom Kahlenbergweg ausgehenden fortwährenden menschlichen "Störungen" gewöhnt haben.

    Der Graureiher ist eine Vogelart mit strenger Koloniebindung und beeindruckender Kolonietradition. Die Unterbrechung einer Koloniekontinuität erfordert erhebliche menschliche Eingriffe wie Baumfällungen, Aktivitäten unter den Nistbäumen etc. Brutwillige Graureiher schließen sich in aller Regel lieber bereits vorhandenen Kolonien an, als daß sie neue Nistplätze erschließen. Mit einer Aufgabe der Graureiherkolonie infolge des Turmbaus bzw. -betriebes ist nicht zu rechnen. Da es mit Sicherheit einzelne Brutpaare gibt, die im allerzeitigsten Frühjahr das Brutgeschäft beginnen, werden auch zögerliche Artgenossen sich mitreißen lassen. Der Bestand hat sich in den letzten Jahrzehnten – nach Einstellung der Bejagung – kontinuierlich erhöht und ist heute auf hohem Niveau relativ stabil (Kalkuhl et al. 2001). Immer häufiger kommt es zu Brutansiedlungen im dicht besiedelten Bereich, z.B. in Zoologischen Gärten. Nahrungsuchende Graureiher trifft man in Mülheim in allen Stadtteilen, auch im bebauten Bereich. Die Nähe hochaufragender Fassaden etc. wird dabei nicht gemieden, wie Beobachtungen aus dem Innenstadtbereich beiderseits der Schloßbrücke zeigen.

  9. Zusammenfassende Betrachtung
  10. Der hier zu betrachtende Bereich der Saarner Wege ist seit jeher durch starken Naherholungsbetrieb (Fußgänger, Inline-Skater, Radfahrer, Angler) und durch häufige Lärmeinflüsse aufgrund von Sportereignissen und Großveranstaltungen verschiedenster Art auf dem sogenannten Kirmesplatz gekennzeichnet. Trotz dieser Einflüsse ist der Bereich Tongrube Rotkamp / Mühlenbach von hoher naturschutzfachlicher Bedeutung, da zum einen ein Gewöhnungseffekt bei den Brutvögeln (hier v.a. bei den Graureihern deutlich) eingetreten ist und zum anderen die sensibelsten Bereiche nicht frei zugänglich sind. Eine mögliche zusätzliche Störwirkung des geplanten Aussichtsturmes auf die Avifauna wird deshalb als gering angesehen. Typische "wertgebende" Brutvogel-Arten, in deren Lebensraum natürlicherweise hochaufragende Strukturen fehlen (z.B. Offenlandarten wie Uferschnepfe, Großer Brachvogel, Kiebitz, Feldlerche, Schafstelze) kommen im Bereich des Kahlenbergswegs nicht vor. Auch Gastvögel mit hohem Anspruch auf weite, übersichtliche Flächen (etwa Saat- oder Bläßgänse, Kampfläufer, Goldregenpfeifer) sind in Turmnähe nicht zu erwarten. Eine Aufgabe der Graureiherkolonie steht nicht zu befürchten, eine geringfügige Beeinträchtigung einzelner Graureiherbrutpaare ist jedoch nicht auszuschließen.

    Der Turm kann aufgrund seiner Nähe zu Saarner Aue im Sinne der Umweltbildung eingesetzt werden, zumal er einen guten Einblick in die Graureiherkolonie ermöglicht. Die Installation eines (auch für Kinder erreichbaren) Fernrohres auf der Aussichtsplattform sollte selbstverständlich erfolgen.

  11. Literatur

Gesellschaft Rheinischer Ornithologen (GRO) & Westfälische Ornithologen Gesellschaft (WOG) (1997): Rote Liste der gefährdeten Vogelarten Nordrhein-Westfalens. – Charadrius 33: 1-117.

Kalkuhl, R., Conrad, B., Geiger-Roswora, D., Wasner, U. & Wolff-Straubb, R. (2001): Artenschutz in Nordrhein-Westfalen. – LÖBF-Mitt. 1/01: 16-33.

Sonnenburg, H. (1998): Gefährdete Brutvogelarten im Außenbereich der Stadt Mülheim an der Ruhr. – Auftragsarbeit für das Umweltamt der Stadt Mülheim an der Ruhr. 142 Seiten + Kartenteil.

Tabelle 1: Im südlichen Mülheimer Ruhrtal festgestellte Brutvogelarten der Roten Liste oder Vorwarnliste NRW (GRO & WOG 1997) und ihr Vorkommen im Einflußbereich des geplanten Aussichtsturmes "Georch" (nach Angaben aus Sonnenburg 1998). Der Graureiher wird hier mitaufgeführt, obwohl er nicht mehr als gefährdet eingestuft wird.

Legende: 0 Ausgestorben oder verschollen

1 Vom Aussterben bedroht

2 Stark gefährdet

3 Gefährdet

R Arealbedingt selten

V Zurückgehend, Art der Vorwarnliste

+ Ungefährdet

N Von Naturschutzmaßnahmen abhängig

Art

Rote Liste

NW /Rhein-Ruhr

Mindest-Anzahl festgestellter Brutreviere 1998 MH gesamt

davon im südlichenRuhrauenAbschnitt

R3

davon im Einflußbereich des geplanten Turmes

zu erwartender Störeinfluß

Graureiher

+N / +N

   

Brutkolonie in Tongrube Rotkamp

geringe Störungen nicht auszuschließen

Baumfalke

3N / 3N

2

1

(Jagdgebiet)

nicht zu erwarten

Wasserralle

2 / 1

2

1

1 (Tongrube Rotkamp)

nicht zu erwarten

Kiebitz

3 / 2

ca. 20

1?

-

nicht zu erwarten

Schleiereule

+N / 3N

3

1

(vermutlich Jagdgebiet)

nicht zu erwarten

Steinkauz

3N / 2

21

4

-

nicht zu erwarten

Eisvogel

3N / 2

(1)

1?

1 (regelmäßiger Brutvogel am Mühlenbach)

nicht zu erwarten

Grünspecht

3 / +

21

1-2

-

nicht zu erwarten

Kleinspecht

3 / 3

7

1

-

nicht zu erwarten

Feldlerche

V / 2

45

3

-

nicht zu erwarten

Wiesenpieper

3 / 2

9

1?

-

nicht zu erwarten

Schafstelze

3 / 2

15

5-6

-

nicht zu erwarten

Schwarzkehlchen

2 / 1

1

1

-

nicht zu erwarten

Feldschwirl

3 / 3

1

1

-

nicht zu erwarten

Teichrohrsänger

3 / 2

13

4-6

ca. 2 (Tongrube Rotkamp)

nicht zu erwarten

Dohle

V / 3

1

1?

-

nicht zu erwarten

Goldammer

V / 3

142

18-21

-

nicht zu erwarten

 

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