BUND§29

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29.02.2000

Fachliche Kriterien zur Ausweisung des Schutzgebietes "Kocks Loch - Saarner Aue" in Mülheim an der Ruhr als FFH-Gebiet

 

Vorbemerkungen

Lange, sehr lange hat es gedauert, bis sich  Bundesregierung und die Landesregierung NRW endlich dazu durchringen konnten, ihren vertraglichen Verpflichtungen zur Ausweisung von FFH Gebieten gegenüber der EG nachzukommen. Länder, die nicht gerade in dem Ruf stehen, besonders viel für den Naturschutz zu tun, liegen hier weit vorn, Deutschland (und NRW) bilden ein Schlusslicht. Die Zahlen: Griechenland 19,5 %, Italien 15,3 %, Spanien 13,9 %, - sogar Dänemark hat 23,8 % der Staatsfläche gemeldet. Und NRW ganze 0,1 %!

Die jahrelange Untätigkeit der Regierungen hat die Naturschutzverbände in NRW schließlich gezwungen, ihrerseits geeignete Gebiete mit FFH-Qualitäten nach Brüssel zu melden. Bei der Erarbeitung der sogenannten "Schattenliste" hatte die BUND Kreisgruppe Mülheim an der Ruhr die Saarner Ruhraue und das Naturschutzgebiet Kock's Loch als großes zusammenhängendes FFH Gebiet vorgeschlagen.

Nachdem anfänglich von der LÖBF NRW die Eignung des Gebietes bezweifelt wurde, haben wir einfach unsere Begründung öffentlich gemacht, und siehe da, plötzlich ging es doch. Und so gelang es, Mülheim an der Ruhr doch noch in die Tranche 2 zu bringen. Die letzte Entscheidung jedoch trifft Brüssel.

Wir stellen uns hier mit der Begründung der FFH Kriterien der öffentlichen Kritik:

Die beiden o.g. Flächen liegen im Auenbereich der Ruhr und zeichnen sich durch ein noch gut erhaltenes System an Altarmen mit fast vollständiger Zonierung der Verlandungs- und Ufervegetation aus. Die übrigen Flächen werden überwiegend durch extensive landwirtschaftliche Nutzung geprägt (Mähwiesen und Weiden). In dem gesamten Bereich findet ausschließlich eine ruhige, naturbezogene Erholung statt.

Nach Paffen et. al. (1963), Kürten (1973) u.a. liegen die o.g. Flächen zweifelsfrei im Naturraum Süderbergland.

Die floristisch-vegetationskundliche sowie faunistische Bedeutung dieser Flächen ist seit vielen Jahrzehnten bekannt (siehe z.B. Haafke et. al. 1983). Ebenso liegen bereits einige Publikationen und Gutachten über die Flächen vor.

Nachfolgend sei auf die wichtigsten hingewiesen:

Burckhardt, H. (1964): Das Ruhrtal von Kettwig bis Duisburg. - Natur und Landschaft im Ruhrgebiet 1: 70-117.
Burckhardt, H. (1967): Von den Ruhraltwässern in Mülheim. - Mülheimer Jahrbuch: 47-62.
Ebenau, C. (1989): Fledermauskartierung in Essen und Mülheim. (NABU Essen) Gutachten im Auftrag der Stadt Mülheim
Goese, R. (1995): Die Herpetofauna von Mülheim an der Ruhr. Diplomarbeit, Universität - GHS-Essen, Fachbereich 9. Unveröff.
Haafke, J., Schäpers, S.& Woike, M. (1983): Biotopmanagementplan für das Naturschutzgebiet "Kochs Loch" in Mülheim an der Ruhr. LÖBF - Gutachten, Recklinghausen
Hahn, I.(1997): Auenkonzept „Untere Ruhr". Ziel und Maßnahmenkonzept. - Konzept im Auftrag des Staatlichen Umweltamtes Duisburg
Hahn, I., Schmitz, G. , Vollmer, B. (1993): Nutzungsanalyse „Untere Ruhr" - Analyse im Auftrag des Staatlichen Amtes für Wasser- und Abfallwirtschaft Herten
Keil, P. & Kessler, H. (1996): Die Saarner Aue - Naturschutz und Erholung am Rande der City. Geschichte, Bilanz und Ausblick. - Mülheimer Jahrbuch 52.. 25-36 S.
Keil, P. & Berg, T. vom (1998): Tümpel, Teich und Weiher - Artenschutzgewässer in Mülheim. - Mülheimer Jahrbuch 54: 47-56.
Ökoplan Essen (1999): Nutzungskonzept Mülheimer Ruhraue. Styrumer Ruhraue und Saarn-Menden-Mintarder Ruhraue. Gutachten im Auftrag der Stadt Mülheim an der Ruhr.
Schmidt, E. (1998): Aphorismen zur Odonatenfauna der Ruhraue bei Mülheim. - Verh. Westd. Entom. Tag, Düsseldorf 1997: 205-212.
Sonnenburg, H.: (1998): Gefährdete Brutvogelarten im Außenbereich der Stadt Mülheim an der Ruhr. - Gutachten im Auftrag der Stadt Mülheim an der Ruhr
Wittig, R. (1991): Schutzwürdige Waldtypen in Nordrhein-Westfalen. - Geobotanische Kolloquien 7: 3-15.

 

Bestand

In dem vorgeschlagenen Gebiet kommen folgende Lebensraumtypen nach Anhang I der FFH-Richtlinie vor:

Code

Lebensraumtypen

3150

 


Natürliche eutrophe Seen (hier mehrere Altwässer, großflächig)

Unterwasservegetation in Fließgewässern

6430

6431


Feuchte Hochstaudensäume der planaren Höhenstufe (z.T. großflächig)

Extensive Mähwiesen der planaren und submontanen Stufe (Fragmente)

9110

 

91E0 


Hainsimsen-Buchenwald (randlich)

Sternmieren-Eichen-Hainbuchenwald (Fragmente)

Erlen- und Eschenwälder und Weichholzauenwälder an Fließgewässern (großflächig, gut ausgeprägt)

In den Anlagen finden sich einige Tabellen zum Arteninventar.

 

Bewertung

Die überregionale faunistisch-floristische Bedeutung der Weichholzauenwald-Bestände (inkl. Altarmkomplexe mit Verlandungsvegetation) in den Naturschutzgebieten 'Saarner Aue' und 'Kocks Loch' sowie im geschützten Landschaftsbestandteil 'Tongrube Rotkamp' sind seit längerem bekannt und bereits umfangreich dokumentiert worden (vgl. Burckhardt 1967, Haafke et al. 1983, Wittig 1991, Keil & Kessler 1996, Schmidt 1998).

So attestiert bereits 1991 Prof. Dr. Wittig in einem Gutachten (im Auftrag der LÖBF) über schutzwürdige Wälder in NRW: „Die wenigen noch existierenden Restbestände des [Silberweiden-Auenwaldes] Salicetum albae befinden sich überwiegend in Naturschutzgebieten z.B. Alter Rhein bei Bienen Praest, Saarner Aue, Kocks Loch...".

Nach dem BfN-Handbuch 'Natura 2000' liegen die Weichholzauenwaldbestände (Code 91E0) unseres Gebietes im Bereich der 'Hauptvorkommen' und müssen daher besonders berücksichtigt werden.

Daneben befinden sich weitere Lebensraumtypen des Anhanges I  im o.g. Gebiet.

Die Anzahl, Ausprägung sowie die räumliche Ausdehnung der relevanten Lebensraumtypen im o.g. Gebiet sowie die Lage der besonders bemerkenswerten Weichholzauenwaldbestände im Bereich des Hauptvorkommens sprechen - unserer Meinung nach - sehr deutlich für die Ausweisung als FFH-Gebiet.

Da sich die Flächen allesamt im städtischen Besitz befinden und ebenso im Rahmen der Neuaufstellung des Landschaftsplanes als zusammenhängendes Naturschutzgebiet (ca. 150 ha.) ausgewiesen werden, ist planungstechnisch von einer weitestgehend konfliktfreien Realisierungsmöglichkeit auszugehen.

Der BUND rät daher zur fachgerechten Anwendung der FFH-Richtlinie - entsprechend seiner Empfehlung der "Schattenliste" - das o.g. Gebiet vorrangig in die Vorschlagsliste aufzunehmen.

 

Anlagen

6 Tabellen - Flora, Fauna, Vegetation

 

 

Tab. 1

Übersicht über die typischen und bemerkenswerten Pflanzengesellschaften im Untersuchungsgebiet (Styrumer Aue, Saarn-Menden-Mintarder Aue), (verändert nach Keil & Kessler 1996), RL-Status nach Verbücheln et al. (1995)

 

Biotop

Pflanzengesellschaft

Ausprägung

Rote Liste Ballungsraum

Rote Liste NRW

Hartholz-Auenwald

Sternmieren-Stieleichenwald

kleinflächig

stark gefährdet (2)

 

Weichholz-Auenwald

Silberweiden-Auenwald

kleinflächig, truppweise

von der Vernichtung bedroht (1)

stark gefährdet (2)

 

Mandel- und Korbweiden-Gebüsch

kleinflächig

 

 

Röhricht

Schilfröhricht

kleinflächig

stark gefährdet (2)

gefährdet (3)

 

Schwanenblumen-Röhricht

kleinflächig

von der Vernichtung bedroht (1)

stark gefährdet (2)

 

Rohrglanz-Gras-Röhricht

linear

 

 

 

Rohrkolben-Röhricht

kleinflächig,
angepflanzt

 

 

Schwimmblatt- und Tauchblatt-Bestände

Kamm-Laichkrautgesellschaft

großflächig

 

 

 

Berchtolds-Zwerg-Laichkrautgesellschaft

kleinflächig

ungefährdet

gefährdet (3)

 

Teichrosen-Bestände

großflächig, zonal

 

 

 

Spiegel-Laichkrautgesellschaft

kleinflächig

stark gefährdet (2)

stark gefährdet (2)

 

Kleine Wasserlinsen-Gesellschaft

großflächig

 

 

 

Dreifurchige Wasserlinsen-Gesellschaft

kleinflächig

stark gefährdet (2)

 

 

Teichlinsen-Gesellschaft

kleinflächig

stark gefährdet (2)

gefährdet (3)

Uferhochstaudenfluren

Schleier-Gesellschaften

großflächig

 

 

 

Brennessel-Giersch-Gesellschaft

großflächig, linear

 

 

 

Neophyten-Bestände
(Japanischer Stauden-Knöterich, Herkules-Staude, Kanadische Goldrute etc.)

großflächig

 

 

Wiesen und Weiden

Feuchtwiesen

Fragmente

stark gefährdet – gefährdet (2-3)

stark gefährdet – gefährdet
(2-3)

 

Fettwiese

großflächig

 

 

 

Fettweide

großflächig

 

 

 

Magerweide

großflächig,
Fragmente

gefährdet (3)

gefährdet (3)

 

 

Tab. 2

Bemerkenswerte und gefährdete Pflanzenarten im Untersuchungsgebiet (Styrumer Aue, Saarn-Menden-Mintarder Aue) nach Keil (1999), RL-Status nach Wolff-Straub et al. (1986 u. 1988)

Taxon
RL.-NRW
RL.-Süderbergland
RL.- Niederrhein. Tieffland
NSG Kocks Loch
NSG Saarner Aue
LB Tongrube Rotkamp
LB Unterer Mühlenbach
Wassergewinnung Styrum
Styrumer Ruhrbogen
übrige Aue

Spirodela polyrhiza

3

2

*

x

x

x

x

x

x

x

Potamogeton berchtoldii

3

2

3

x

x

 

 

 

x

x

Lemna trisulca

3

3

*

x

x

x

x

x

x

x

Myriophyllum spicatum

3

3

*

x

x

 

 

x

x

x

Aira caryophyllea

3

3

3

x

 

 

 

x

 

 

Bidens cernua

3

3

*

x

 

x

 

 

 

 

Butomus umbellatus

3

3

3

 

 

x

 

 

 

 

Filago minima

3

3

3

 

 

 

 

 

 

x

Potamogeton lucens

3

3

3

 

x

 

 

 

 

 

Allium schoenoprasum

3

-

3

x

x

x

 

 

x

x

Inula britannica

*

0

*

 

 

 

 

 

x

x

Ornithogalum umbellatum

*

3

*

 

x

 

 

x

 

 

Asplenium trichomanes

*

*

3

 

 

 

 

 

 

x

Nuphar lutea

*

*

*

x

x

x

 

x

x

x

Peplis portula

*

*

3

x

 

 

 

 

 

 

Eryngium campestre

*

-

*

 

 

 

 

x

x

(x)

Sambucus ebulus

*

*

*

 

 

 

 

x

x

x

Senecio aquaticus agg.

*

*

3

x

 

 

 

 

 

x

Anthemis arvensis

VW

 

 

 

 

x

 

 

Caltha palustris

VW

x

x

x

x

 

x

 

Carex leporina

VW

 

 

 

 

x

x

x

Carex otrubae

VW

 

 

x

 

x

 

x

Crepis biennis

VW

 

x

 

 

x

 

x

Eleocharis palustris s.l.

VW

x

x

 

 

 

 

 

Epilobium palustre

VW

 

x

 

 

 

 

x

Hypericum tetrapterum

VW

 

x

 

 

x

 

x

Bistorta officinale

VW

 

 

 

 

 

 

x

Erläuterungen:
RL-Status nach Wolff-Straub et al. (1988)
0 = ausgestorben oder verschollen
2 = stark gefährdet
3 = gefährdet
* = im betreffenden Gebiet ungefährdet
- = kommt im betreffenden Gebiet nicht vor (Stand 1988)
Vorwarnliste nach Wolff-Straub et al. (1986)
VW = Vorwarnliste

 

 

Tab. 3

 Bestände gefährdeter oder bemerkenswerter Brutvogelarten in der Mülheimer Ruhraue im Jahr 1998
(verändert nach Sonnenburg 1998)

Art

Rote Liste NW/ Rhein-Ruhr

Bestand / Status

Saarn-Menden-Mintarder Aue

Graureiher

+N / +N

etwa 20 Brutpaare

x

Schnatterente

R / R

Übersommerer (Brut?)

x

Reiherente

+ / V

2 Brutnachweise; ca. 50 Übersommerer, darunter vermutlich auch Brutversuche

x

Baumfalke

3N / 3N

2 Brutpaare

x

Rebhuhn

2N / 2

Bestand erloschen?

x

Teichhuhn

V / +

mindestens 14 Revierpaare

x

Kiebitz

3 / 2

Brutzeitbestand ca. 35 Tiere einzelne erfolgreiche Bruten

x

Kuckuck

V / V

1-2 rufende Männchen

x

Schleiereule

+N / 3N

1 Brutpaar

x

Steinkauz

3N / 2

4 Brutpaare

x

Waldohreule

V / +

?

x

Eisvogel

3N / 2

evtl. 1 Brutpaar

x

Grünspecht

3 / +

2-3 Revierpaare

x

Kleinspecht

3 / 3

1 Brutpaar

x

Feldlerche

V / 2

11-13 Brutpaare

x

Rauchschwalbe

3 / 3

mehrere Brutpaare

x

Mehlschwalbe

V / V

21 Brutpaare

x

Wiesenpiper

3 / 2

10-11 Brutpaare

x

Schafstelze

3 / 2

mind. 8-9 Brutpaare

x

Schwarzkehlchen

2 / 1

1 Brutpaar

x

Feldschwirl

3 / 3

evtl. 1 Brutpaar

x

Teichrohrsänger

3 / 2

5-7 Brutpaare zzgl. 3 singende Männchen

x

Gelbspötter

V / +

9-11 Brutpaare

x

Klappergrasmücke

V / V

3 Brutpaare

x

Dorngrasmücke

V / +

mind. 26 Brutpaare

x

Dohle

V / 3

Wahrsch.lich 1-2 Brutpaare

x

Haussperling

V / V

Brutvogel

x

Feldsperling

V / V

mehrere Brutpaare

x

Bluthänfling

+ / V

mind. 7 Brutpaare

x

Goldammer

V / 3

18-21 Brutpaare

x

Rohrammer

V / V

mind. 10-13 Brutpaare

x

 

 

Tab. 4

Herpetologisch wertvolle Flächen der Ruhraue inkl. des jeweiligen aktuellen Artenspektrums (aus ökoplan 1999). Rote Liste-Status nach Schlüpmann & Geiger (1999)

Art

R.L.
NRW
1999

R.L.
Ballungsraum
Süderbergland

NSG Kocks Loch

NSG Saarner Aue

LB Tongrube Rotkamp

LB
Saarner Mühlenbach

Teichmolch (Triturus vulgaris)

 

 

x

x

x

x

Bergmolch (Triturus alpestris)

 

 

x

x

x

 

Erdkröte (Bufo bufo)

 

3

x

x

x

x

Grasfrosch (Rana temporaria)

 

2

x

x

x

 

Teichfrosch (Rana kl. esculenta)

 

2

x

x

x

 

Seefrosch (Rana ridibunda)

 

D

x

x

 

 

Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta elegans.)

 

 

x

x

 

x

 

 

Tab.5

Fischarten im Unterlauf der Ruhr nach Tack (1962, 1972) und Untersuchungen an Rechenanlagen in Mülheim (aus Frenz 1998).

Familie

Art

Vor 1975

1994

Laichsubstrat

Rote Liste

Clupeidae

Maifisch

X

 

(Kies)

0

Anguillidae

Aal

X

X

Freiwasser

 

Esocidae

Hecht

X

X

Veg.

3

Salmonidae

Lachs

X

 

Kies

0

 

Meerforelle

X

 

Kies

1

 

Bachforelle

 

X

Kies

3

 

Regenbogenforelle

 

X

Kies

 

Cyprinidae

Karpfen

X

X

Veg.

 
 

Schleie

X

X

Veg.

 
 

Brasse

X

X

Veg., Kies

 
 

Döbel

X

X

Kies

 
 

Ukelei

X

X

Veg., Kies

 
 

Gründling

X

X

Sand

 
 

Hasel

 

X

Veg., Kies

 
 

Rotauge

X

X

Veg., Kies

 
 

Rotfeder

X

X

Veg.

 
 

Nase

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